Im nordböhmischen Louny verschmelzen die Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart

Stadt der Künstler und Sagen

Ressorts: Städte, Nordböhmen, Tschechien, Hintergrund, Kultur, Tourismus

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Freitag, 18 November 2011 14:51

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Mit dem Wind, der durch die Gassen von Louny (Laun an der Eger) weht, streift ein Stück böhmische Geschichte um die von Laternen erhellten Häuserfassaden. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts im Besitz des Benediktinerklosters Kladruby wurde die Stadt bereits 1260 unter König Ottokar II. zum belebten Handelszentrum zwischen Dresden und Prag. Heute kann von lebendigem Treiben in der 20.000-Einwohner-Stadt nur noch an einem sonnigen Samstag Nachmittag die Rede sein, wenn junge Familien aus der Wohngegend hinter den noch gut erhaltenen Stadtmauern und Touristen durch die Pražská – die „Prager Straße", die in vielen tschechischen Kleinstädten die Einkaufsmeile darstellt – schlendern und in den kleinen Cafés und Eisdielen Halt machen.

 

Dennoch ist Louny vor allem für Kunst- und Architekturbegeisterte ein lohnendes Ausflugsziel. Eine besondere Schönheit verbirgt sich im Inneren des St.-Nikolaus-Doms, einem der Hauptwerke der böhmischen Spätgotik: Ein monumentaler hölzerner Altar, der sich über die gesamte Höhe des Mittelschiffes erstreckt und detailgenau biblische Szenen darstellt, raubt Besuchern beim Betreten des Doms nahezu den Atem. Der Architekt der drei Kirchenschiffe, Benedikt Ried (1454–1534), ist außerdem Namensgeber einer modernen Galerie im Zentrum der alten Hussitenstadt.

Zdeněk Sýkora, den der tschechische Kunstkritiker Radan Wagner noch kurz vor dessen Tod im Juli 2011 als eine „lebende Legende" bezeichnete, reiht sich in eine Vielzahl von in Louny beheimateten Persönlichkeiten wie Künstlern, Literaten und bedeutenden Naturwissenschaftlern ein. Sýkoras revolutionäre Werke, bei denen er als einer der ersten Maler weltweit mit computerbasierter Farbanordnung arbeitete, sind neben temporären Ausstellungen in der Benedikt-Ried-Galerie (Galerie Benedikta Rejta, Pivovarská 29) auch im Wiener Museum moderner Kunst und dem Pariser Centre Georges Pompidou zu sehen.

Der aus Louny stammende Architekt Kamil Hilbert vollendete 1929 den Bau des Prager Veitsdoms, Schriftsteller wie Emil Bohuš Frída alias Jaroslav Vrchlický (1853–1912) und Karel Konrád (1899–1971) machten die Stadt mit ihrer Poesie weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Eine Ausstellung zu derart bedeutenden Persönlichkeiten der Stadtgeschichte zeigt auch das Regionalmuseum im Haus der Falken (Dům Sokolů, Pivovarská 28), das mit seinem hohen Satteldach, Zinnen und Erkerfenstern im typisch spätgotischen Baustil errichtet wurde. Zeugnis der bewegten Geschichte der Königsstadt legt auch das Žatecká brána (Saazer Tor) im Westen der Stadt ab: So bildeten Louny und Žatec während der Hussitenkriege einen gefürchteten Militärbund. Heute bietet sich von dort aus ein Spaziergang auf der ehemaligen Festung entlang der Eger (Ohře) an.

Gelegenheit zur Kaffeepause findet man danach zum Beispiel im Café „Svět" (Beneše z Loun 140/141), dessen Atmosphäre an ein altehrwürdiges Prager Kaffeehaus erinnert. Abends lockt das Vrchlický-Theater mit wechselnden Konzerten und Gastspielen tschechischer Ensembles.

Auf der Fahrt von Prag nach Louny bietet sich ein Zwischenstopp im naheliegenden Panenský Týnec an, um die mythenumwobene Kathedrale des Dorfes zu besichtigen. Der Bau aus dem 13. Jahrhundert wurde nie vollendet – so soll ein Gang durch die eindrucksvollen Ruinen positive Energie spenden und die für den Bau angewandte Kraft auf Besucher übertragen. Widerstandskraft bewiesen auch die Einwohner Lounys im Lauf der böhmischen Geschichte; so kämpften sie erst an der Seite der Hussiten und boten später den Aufständischen gegen die Habsburger Obdach. Eine überlebensgroße Statue von Jan Hus erinnert am Marktplatz noch an die Reden, mit denen er 1410 den Menschen in Louny Mut zugesprochen haben soll.

Von Lisa Böttinger

 

Quelle(n)

Prager Zeitung