Langer Marsch durch die Naturschönheit des Böhmerwaldes entlang der Widra bis Hartmanitz/Hartmanice.

Der Weg war das Ziel

Ressorts: Reiseberichte, Tschechien, Hintergrund, Tourismus

Artikelinformationen

Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Dienstag, 20 November 2012 18:26

Empfehlen

Artikel drucken

Unterwegs auf den Pfaden und Steigen auf dem tschechischen Teilabschnitt der „Via Nova": Auch für diesen Teil der „Via Nova" ab dem Grenzübergang Buchwald/Bucina bis nach Hartmanice gibt es nette und kompetente Führer und Begleiter, die mit Natur und Landschaft bestens vertraut sind und viele wissenswerte Hintergründe von Geschichte und Kultur der Region im Rahmen einer Wanderung den Teilnehmern vermitteln können.

 

Es war teilweise im wahrsten Sinne des Wortes ein Marsch über Stock und Stein, was alleine ja noch durchaus zu machen und gangbar wäre. Auch das bergauf-bergab schreckte die wackeren Wanderleute nicht ab. Dank der intensiven literarischen Vorbereitung hätte die mentale Einstellung eigentlich bis zur Endstation der „Via Nova" in Přibram sämtliche landschaftlichen Schwierigkeitsgrade problemlos überwinden müssen, so zumindest beim Schreiber dieser Zeilen. Schließlich wurden vorab nicht nur die "Böhmerwaldskizzen" von Karel Klostermann eingehend studiert, sondern auch neuere Veröffentlichen aus dem Ohetaler und Morsak Verlag intensiv zu Rate gezogen. - Nun sollte ehrlicher Weise eingeräumt werden, dass sich der Wanderführer unserer „Pilgertruppe", Josef, nicht ganz an die Ablauffolge in der guten Wegbeschreibung von Gunther Fruth „Wandern im Böhmerwald" gehalten hat.

Die ersten Meter der Wanderung auf der „Via Nova" begannen am Antigelhof/Antýgel, einer alten Holzfäller- und späteren Glasmachersiedlung. Sein Name stammt aus dem Volksmund, weil die Siedlung nur „an Tigel" (einen Schmelztiegel) hatte. Heute wird die ganze Gegend samt Berg so genant. In groben Zügen führte die Wanderung von Antýgl bis zur Vinzenzsäge/Čeňkova pila am rechten Ufer der Widra/Vydra durch das wildromantische Povydří/Widratal, eine Strecke von etwa sieben Kilometern auf dem Naturlehrpfad, bei Überwindung auf rund 260 Höhenmetern. Dieser Abschnitt ist durchaus erträglich gangbar, führt der Weg doch abwärts, vorbei an übereinander geschachtelten Felsbrocken, die Pfannen- oder Muldensteine. Die Widra selbst entsteht in der Gemeinde Mader/Modrava im Biosphärenreservat Böhmerwald durch den Zusammenfluss der beiden Bäche Maderbach/Modravský potok und Rachelbach/Roklanský potok, die aus dem ausgedehnten Hochmoorkomplex der Maderer Filze gespeist werden. Ihr Einzugsgebiet umfasst 146,2 Quadratkilometer. Ein Teil des Wassers wird unterhalb von Mader in den Chimitz-Tettauer Schwemmkanal abgeleitet. Der touristisch erschlossene Abschnitt zwischen Antigelhof und Vinzenzsäge hat den Charakter eines Wildbachs mit vielen Stromschnellen, Felsblöcken und unregelmäßigen Schwellen im Flussbett. Durch den Zusammenfluss der Vydra mit dem Fluss Křemelná entsteht die Otava.

Nach „Wandern im Böhmerwald" beträgt die Flusslänge der Widra exakt 23,1 Kilometer. Die Umgebung war genau, wie sie schon Karel Klostermann in seinen Schilderungen festgehalten hat. Er schreibt: „Ich führe dich, lieber Leser, wieder in den Wald, und zwar zuerst in die sogenannte Schachtelei... in die tiefe Schlucht, welche der südliche Quellfluß der Wotawa sich zwischen den gewaltigen Urgebirgsmassen ausgehöhlt hat. Die schroffen Hänge links und rechts sind zum Teil noch von schönen Wäldern bestanden. ... Unten braust der Fluß meilenweit hörbar, seine klaren Wellen schäumend und brüllend an den zahllosen mächtigen Felsblöcken brechend, die sein Bett ausfüllen. Die braune, an tiefen Stellen purpurschwarze Flut scheint aufgelöst in silbernen Schaum; die mächtigen Geröllstücke sind oft kugelförmig abgeschliffen und sonderbar ins Innere hinein ausgewaschen. ... Das Bild ist überwältigend in seiner in seiner großartigen Schauerlichkeit."

Der „Böhmerwaldbeschreiber" Karel Klostermann schreibt seine Eindrücke zu einer Zeit nieder, als der Gang entlang des Wildwassers noch eine sehr riskante und gefährliche Angelegenheit gewesen ist, da der damalige Pfad „schmal und gefährlich" war und „an dem nassen Urgestein kaum der suchende Fuß" Halt fand. „Wehe dem Unglücklichen, den ein Fehltritt in den kochenden Brodel schleudert. Er findet wohl kaum Zeit zu einem Hilferuf."

In diesem einst nahezu unzugängliche Tal, auch Kláříno údolí/Klaratal oder die „Schachtelei" genannt, herrschten einstens hektische Zeiten während der „Borkenkäferkalamität" in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Daher wurde 1888 entlang des rechten Vydraufers der Maderweg angelegt, um das gefällte Holz besser abtransportieren zu können, der heutige Naturlehrpfad. - Auf Tschechisch taucht die Bezeichnung „Povydří", also „Widratal" erstmals in „Baštas Reiseführer" von 1908 auf.

Auf halber Strecke etwa steht dann in der „Schachtelei" die Thurnerhütte (Turnerova chata) in Erwartung durstiger Wanderer und bietet ihnen Labung und Rast. Begrüßt wird mancher Wanderer vom Geschrei eines immer um Futter bettelnden Fischotters, tschechisch auch „Vydra", in einem kleinen Gehege direkt vor der Hütte, der „Vaclav" gerufen werden soll. - Dies behauptete zumindest unser zweiter tschechischer Begleiter namens „Vaclav", der die „Via-Nova-Route" von der Grenze bis nach Přibram eingerichtet hat. Ob der Fischotter allerdings darauf hört, konnte bei diesem Aufenthalt nicht eindeutig abgeklärt werden. Unser Vaclav tat dies zumindest. – Die Thurnerhütte wurde 1934 errichtet und blieb in der traditionellen Holzarchitektur von damals erhalten. Sie liegt in der Kernschutzzone des Nationalparks Šumava und ist ganzjährig geöffnet. Mit der hier nach dem Trunk eines guten „Klostermann-Bieres" angestauten Energie war das Erreichen der Vinzenzsäge/Čeňkova pila schon beinahe „schwebend" möglich. - Immerhin hatte sich inzwischen innerhalb der Gruppe das Gerücht verbreitet, dass es ab hier mit dem Linienbus nach Unterreichenstein/Rejštejn zum Mittagessen weitergehen sollte. Ein kurzer, sanfter Regenschauer erfrischte die aufgewärmten Wanderer und erleichterte die kurze Wartezeit auf den Bus, der schließlich auch denn kam.

Nun führte der Weg stets aufwärts weiter nach Palvinov, Radkov, Groß- und Klein-Babylon, in eine heute fast menschenleere Gegend in der ehemaligen militärischen Sperrzone. Von hier oben bietet sich dem Wandersmann ein grandioser Fernblick bis nach Schüttenhofen, von der heutigen Wüstung Pustina weiter über Gutwasser/Dobra Voda (ohne Guntherfelsen) und bis nach Hartmanice. Nach dem langen, mühsamen Tag einer Wanderung durch die wahre Naturschönheit des Böhmerwaldes, über Stock und Stein, vorbei an Fels und Fall, erreichte man schließlich bei der Einbruch der Dämmerung das Städtchen Harmanice, das Tagesziel. Ein, zwei Gambrinus vor dem Einschlafen und die mentale Vorbereitung auf den Besuch der Bergsynagoge am anderen Morgen. Es gab sogar ungefiltertes!

Hilfreich und dazu noch leicht im Rücksack mitzuführen war der im Ohetaler Verlag erschienene Wegbegleiter „Die schönsten Ausflugsziele. Šumava-Böhmerwald. Kultur-Reiseführer", erschienen als Band 3 der Reihe „Do schau her". Kurz und bündig für die Gegend auch ist das im Morsak Verlag verlegte Büchlein von Gunther Fruth „Wandern im Böhmerwald. Mit Tourenkarten". Nun denn: die Rucksäcke gepackt und passende Wanderschuhe geschnürt und auf in den „Woid".

 

Über den Autor

Karl W. Schubsky