Die „Katakomben“ - das Museum unter der Jesuitenkirche im böhmischen Klattau/Klatovy

Ressorts: Tschechien, Museen und Galerien, Region, Kultur

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Autor

Hermann Höcherl

DATUM

Dienstag, 19 April 2016 09:29

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Dezentes Erschaudern unter der Jesuitenkirche

„Der Tod gehört zum Leben wie auch der Glaube an ein ewiges Leben. Daran sollten wir immer denken, nicht nur in der Zeit vor Ostern." Das sagt Sarka Lesna, die uns durch ihre Stadt führt. 37 Jahre war sie als Lehrerin für Deutsch und Russisch am Klattauer Gymnasium tätig. Wie 2. Bürgermeister Ing. Vaclav Chroust, der Vorsitzende des rührigen und erfolgreichen Bürgervereins, ist sie begeistert von ihrer Heimat. „Auch wenn viele Menschen aus den grenznahen Regionen Bayerns Klattau schon gesehen haben – es gibt immer wieder Neues zu sehen und auch Bekanntes kann neue Empfindungen wecken." Nicht nur durch die Kirchen, von der Gotik zum Barock, die Bürgerhäuser der Renaissance, den „Schwarzen Turm", die barocke Apotheke „Zum weißen Einhorn", UNESCO-Weltkulturerbe, PASK, den Pavillon mit altem und modernem böhmischen Glas, ist Klatovy, auch die „Stadt der Nelken" genannt, berühmt. Zu einer der herausragenden Sehenswürdigkeit der Stadt, an der Kreuzung von zwei uralten Handelswegen gelegen, hat sich das nun „Katakomben"genannte Museum in der Krypta der Jesuitenkirche mit den 38 Mumien entwickelt, die dort in den Gewölben in ihren Särgen liegen. Integriert wurde auch bei der aufwändigen Renovierung und mit neuester multimedialer Technik im Jahre 2011 eine Ausstellung über das segensreiche Leben und Wirken der Jesuiten in Stadt und Umland.

 

Die heute rund 22 000 Einwohner zählende Stadt Klatovy, nur rund 40 Kilometer von der bayerischen Grenze bei Furth im Wald entfernt, wurde im späten 13. Jahrhundert gegründet. Ihre Lage an der Kreuzung zweier bedeutender Handelsstraßen, die von Westböhmen nach Südböhmen führten und führen und Verbindungen nach Pilsen, Prag, Budweis, ebenso aber in die bayerischen Städte Passau, Deggendorf, Straubing, Cham – heute Partnerstadt - , Regensburg, schließlich Oberbayern mit München und Franken mit Nürnberg eröffneten. 1263 wurde Klatovy unter Ottokar II. Premysl zur Königsstadt erhoben, 1419 ein bedeutender Sitz der Hussiten geworden. Durch Handwerk und Handel war Klatovy zu einer der reichsten Städte Böhmens geworden.

Die Jesuiten in Klatovy

Im Jahre 1620 wurde in den Wirren des 30jährigen Krieges Klatovy von kaiserlichen und bayerischen Truppen besetzt. Plünderungen und Brände führten zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Absinken der Stadt, fast zur Bedeutungslosigkeit. Dann kamen zur Zeit der Rekatholisierung Böhmens die Jesuiten in die Stadt, errichteten ein Ordenshaus, das wenige Jahre später zu einem Jesuitenkolleg erhoben wurde, in dem man Theologie und Philosophie studieren konnte. Die Patres kümmerten sich auch um die nicht katholische Bevölkerung der Stadt und des Umlandes, um deren Bildung und wirtschaftlichen Aufschwung. Im Kolleg entstanden ein lateinsprachiges Gymnasium und eine Art Mittelschule mit Seminar für arme Studenten. Im Stadtzentrum neben dem „Schwarzen Turm" und dem heutigen Rathaus ließen sie die „Kirche der Unbefleckten Empfängnis und des Heiligen Ignatius" bauen. Kilian Ignaz Dientzenhofer arbeitete am Hauptportal.

In den Katakomben

Die Begeisterung steckt an, mit der Sarka Lesna und der stellvertretende Bürgermeister Ing. Vaclav Chroust besonders über die Katakomben, das Museum mit Krypta und Mumien unter der Jesuitenkirche, sprechen. In den Jahren 1676 bis 1783 fanden hier mehr als 200 Verstorbene, nicht nur Ordensmitglieder der Jesuiten, sondern auch Adelige und verdiente Bürger und Bürgerinnen der Stadt ihre letzte Ruhestätte – bis 1784 Kaiser Josef II. die Bestattung in Kirchen verbot. Die toten Körper wurden nicht, wie etwa in Ägypten, aufwendig konserviert, sondern in Eichensärge auf Holzspäne gelegt, umgeben von Hopfendolden. Dank eines ausgeklügelten Lüftungssystems mit Kanälen in der Krypta, endend auf dem Kirchendach, blieben Lufttemperatur und -feuchtigkeit beständig. Es kam zum allmählichen Austrocknen der Körper, zur Mumifizierung. Die braunen Mumien wiegen nur mehr acht bis zehn Kilogramm.

Während einer Kirchenreparatur in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verschütteten Bauerbeiter die Lüftungsschächte, das Milieu in den Krypten veränderte sich, ein Großteil der Mumien zerfiel. Sie wurden auf dem Friedhof St. Jakob bestattet. 38 der Mumien konnten vor dem Zerfall gerettet werden, sie sind zum Kulturdenkmal erklärt. Stolz berichtet Bürgermeister Chroust über den Umbau der Katakomben mit den Mumien in der Krypta und die dazu eingerichtete Jesuiten-Ausstellung im Jahre 2011. Die Kosten von über einer Million Euro wurden aufgebracht von der Stadt, dem Bürgerverein und durch Zuschüsse der EU. Fast 6000 Besucher kamen an den zwei Tagen zur Eröffnung, die Bischöfe der Diözesen Pilsen, Prag und auch Regensburg nahmen die Weihe vor. Die Katakomben weisen in ihrer einzigartigen Atmosphäre eindringlich auf die Vergänglichkeit des Menschen hin und die Besucher werden still angesichts dieses Fingerzeigs auf die Ewigkeit.

 

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Hermann Höcherl