Eine neuzeitliches „Dornröschen-Kloster“ hinter einer „Hecke“ an der Straße zur Grenze.

Das Neue Kloster der „Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz“ in Eger

Ressorts: Städte, Tschechien, Tschechien, Region, Kultur, Hintergrund, Tourismus

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Dienstag, 24 März 2015 18:45

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Über den Verfall und die Verwüstung eines Kulturbaus in der westböhmischen Grenzstadt Eger an der heutigen „Straße des 17. November".

Worum geht es hier und weswegen wäre zweckdienlicher Weise eine eher sanfte Hinführung an dieses durchaus – zumindest nicht nur für Egerländer - emotionale Thema nötig?

Man stelle sich einmal vor oder versetze sich in die Lage, jahrelang fährt man sommers wie winters von Eger auf der alten „Reichsstraße", die heutzutage „17. listopadu" heißt, in Richtung Waldsassen - oder aus Richtung Waldsassen kommend - nach Eger hinein und kommt dabei nicht nur an neuzeitlichen mehrstöckigen Blöcken, sondern fährt auch an einem langen gusseisernen Metallgitterzaun entlang, hinter dem eine Art verwilderte Parkanlage zu liegen scheint, silhouettenhaft dominiert von einer Beinahe-Kirchruine - mit Nebengebäuden. Stets entstand dabei – irgendwie - ein unnahbarer und abweisender Eindruck, früher leicht durch freundlich zuwinkenden Mädchen gemildert, die entlang des Zaunes postiert zu sein schienen. Dabei war jedes Mal – allerdings en passent - stets festzustellen, dass das Eingangstor in diesem langen Zaun ständig verschlossen zu sein schien. - Vom ruinösen Zustand des dahinter stehenden ehemaligen Sakralbaus selbst ist für die Passanten die meiste Zeit des Jahres über wegen des stark verwilderten Pflanzenwuchses davor kaum etwas zu erkennen, aber während der kalten Jahrezeit wird dessen kläglicher Zustand umso deutlicher wahrnehmbar.

 

Und jetzt – man staune! – war eines Tages im letzten Jahr das Tor plötzlich nicht mehr vorhanden bzw. es stand einladend offen, dass die magischen Worte: „Sesam öffne dich" ausgesprochen werden müssten - Konnte diese Tatsache nicht als eine provokante Einladung zu einem Besuch des Geländes und in Augenscheinnahme des Gebäudekomplexes interpretiert werden? War da nicht auch eine schwach vernehmbare Stimme zu hören, die zuflüsterte: „Komm' - und sieh' wie ich leide"? - Diese stille Anklage schien für mich jedenfalls vernehmbar zu sein.

Was aber verbirgt sich hinter der schieren Pflanzenwand? Antwort: Das ehemalige Neue Kloster der Kongregation der „Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz" mit dem Sitz in Eger, des letzte Ordens, der sich in Eger niederlassen hatte „und der bald durch seine Betonung der Sozialarbeit und des Schulwesens eine der wichtigsten Anstalten der Stadt wurde", wie der frühere Archivdirektor Boháč 1999 ausführt. „Im Jahre 1870 eröffneten sie in der Schanzstraße die ersten zwei Klassen einer Privatschule. In nur sechzig Jahren bauten hier die Ordensschwestern eine Erziehungs- und Bildungsanstalt, die im Jahre 1930 bereits von 1200 Schülerinnen besucht wurde und die 80 Lehrer hatte", so Boháč weiter.

Ihre erste Einrichtung hatten die Barmherzigen Schwestern in der Egerer Altstadt unweit der alten Kaiserburg in der Gschierstraße (heute Hradební ulice), wo die ersten vier Schwestern ihre Tätigkeit im Jahre 1864 aufnahmen und Kranke behandelten und das Provinzhaus des Ordens errichteten. Im Laufe der Jahre entstand unter Verdrängung alter Bürgerhäuser entlang der Westseite der Gschierstraße (ehemalige Fleischergasse) nach und nach ein Baukomplex, der im Jahre 1914 letztendlich von der Langen Gasse bis zur ehemaligen Stadtmauer reichte.

In diesem Komplex waren letztendlich neben den Klosterräumen der Kreuzschwestern auch ein Internat, ein Kindergarten, eine Volksschule, eine Bürgerschule, eine Oberschule, eine Handels-, Koch- und Haushaltsschule, Lehrwerkstätten und Ausbildungsstätten für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, eine Turnhalle und große Versammlungssäle untergebracht.

Das Neue Kloster der Barmherzigen Schwestern

Der heutige und bereits historische Baukomplex des ehemaligen Klosters der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Kreuz in Eger/Cheb besteht aus einem großen Areal mit Park, der Kirche Kreuzerhöhung, Kloster- und umfangreichen Nebengebäuden. Der Klosterkomplex wurde in den Jahren 1930 - 32 in der Egerer Neustadt an der alten „Reichsstraße" und der heutigen „Straße des 17. Novembers" in der Nähe des Krankenhauses errichtet. Nach der Vertreibung der Schwestern aus Cheb im Jahre 1950 wurden sie von 1951 bis 1990 als Kaserne für die Grenztruppen genutzt. Nach 1990 wurde der gesamte Komplex dem Verfall preisgegeben, somit gehen die momentan sichtbaren katastrophalen Zustände ausnahmsweise nicht auf direkte kommunistische Einflüsse oder Anordnung zurück, sondern auf postkommunistische „Disziplinlosigkeiten" der neuen Freiheiten ungewohnter Vandalen. – Historisch wäre der Klosterkomplex deswegen zu nennen, weil der Orden in Eger nicht mehr existiert und diejenigen Menschen, für die alles konzipiert worden ist nicht mehr in der Stadt und im westböhmischen Umland mehr leben – oder bereits längst verstorben sind und die heutigen Einwohner, die das Engagement der Schwestern dringend bedürfen würden, auf deren Rückkehr wohl vergebens warten dürften.

Der Besuch 2014

Während einer Fahrt von Eger in Richtung Grenzübergang fiel mir eines Tages im vergangenen Jahr 2014 die fehlende Verschlossenheit von Eingangstor und Kirchentür auf und sofort wurde gestoppt, da es die lange erwartete Gelegenheit zu schien, auf die bereits jahrelang gespannt worden war. Aus reiner Gewohnheit befand sich zufällig auch der Foto mit dabei und so stand der „Safari" auf das Klosterareal nichts im Wege. Der Anblick des Kircheninneren traf wie eine Keulenschlag und es bot sich der Vergleich zu einer wilden Müllkippe an und den Schäden nach einem Luftangriff. Überall im gesamten Komplex ein Anblick der Verwüstung und auf den Wänden hatten sog. „Sprayer" Spuren ihrer Existenz hinterlassen. - Zudem waren Stimmen vernehmbar, die vor einem unbekannten Besucher warnten. – Zum Glück ist man ja nach langem Aufenthalt im und zahlreichen Fahrten durch das Grenzgebiet doch gegen den sich immer wieder anbietenden Vandalismus und die Zerstörungswut abgehärtet, aber hier kam es doch zu einem optischen Keulenschlag bei dem sich bietenden Anblick, dessen Wirkung während des gesamten „Inspektionsganges" durch die Gebäude und danach auch durch die Freianlagen anhielt - und seither immer noch fortwirkt!

Schockiert und deprimiert von dem Gesehenen – und Gerochenen – machte man sich auf den Rückweg und zur sofortigen Sichtung der geschossenen Bilder und überlegte, was man dagegen unternehmen könnte? Es wurde der Entschluss gefasst, die Eindrücke nicht in den eigenen vier Wänden isoliert zu halten, sondern sie, wie eine Art von Elegie, in die Öffentlichkeit hinauszuschreien und zur Diskussion zu stellen. Sofort wurden daher die Fotos dem „Thing" gezeigt – andere sagen zu dessen heutiger Form „Facebook" dazu und Klage erhoben, die auch eine sofortige Wirkung zeigte und eine rege und heftige Diskussionen – grenzübergreifend – entfachte. Schließlich handelt es sich auch bei dem Klosterkomplex in Cheb nicht um einen Teil tschechischen sondern um ein gesamtböhmische Kulturgut, um es an dieser Stelle wieder einmal ganz klipp und klar auszusprechen! Schließlich hatten sich auch die Barmherzigen Schwestern in Eger neidergelassen und hier bis zu ihrer Verfolgung und anschließenden Vertreibung gewirkt.

Der Baukomplex samt einem Großteil des Areals befindet sich derzeit im Eigentum einer Investmentgesellschaft mit Sitz in der Türkei. Ein Teil des Parks befindet sich noch im Eigentum der Kongregation der Barmherzigen Schwestern.

Und hier das bisherige Resultat des ins Internet geworfenen Steinchens:

Im Januar 2015 gründeten engagierte Bürger einen Verein zur Erhaltung des Klosters der Barmherzigen Schwestern in Eger. In den Vorstand des Vereins wurden Jan Lébl aus Prag als Vorsitzender, sowie Mgr. Petr Oškera aus Ellbogen/Loket und Mgr. Andrea Ptáčková aus Brünn/Brno, gewählt. Die Zusammensetzung des Vorstands zeigt ein deutliches überregionales Interesse an der Erhaltung der Klosteranlage, die aus denkmalpflegerischer Sicht absolut schützens- und erhaltenswert ist und einen der größten erhaltenen historischen Gebäudekomplexe der Stadt Eger darstellt.

„Der Verein versteht sich als Initiative, in letzter Minute mit aller Kraft für die Rettung des Klosters einzutreten, dessen Gebäude durch den mittlerweile jahrzehntelangen Verfall in ihrem Bestand akut bedroht sind. Dieser Erhalt ist durchaus möglich, wenn rasch gehandelt wird. Das Areal ist derzeit nicht gesichert und bekannt als Sammelplatz für wohnsitzlose Menschen und auch Drogensüchtige. Es ist einer der sozialen Brennpunkte der Stadt Eger. Schon von daher ist klar, dass ein Handeln durch die Stadt nötig ist. Dieses Handeln kann entweder im Erhalt, oder im Abriss der Gebäude bestehen.

Mit einem Engagement zur Erhaltung und Restaurierung des Gebäudekomplexes würde die Stadt Eger auch der Verantwortung vor der Geschichte und gegenüber der Kongregation der Barmherzigen Schwestern gerecht und könnte vom tschechischen Staat wirkungsvoll finanzielle Mittel einfordern. Denn dieser ist zumindest nach 1990 seiner Verantwortung für die enteigneten Gebäude nicht nachgekommen und hat daher den derzeitigen Zustand wesentlich mit zu verantworten!

Nach einer Rettung und Sanierung können alle Gebäude einer sinnvollen, die Stadt Eger/Cheb bereichernden Verwendung zugeführt werden:

Die Kirche könnte entweder ihrem ursprünglichen Zweck als Kirche zugeführt (was wünschenswert wäre), oder zu einem multikulturellen Kulturraum umgestaltet werden. In die übrigen Bauten könnte wieder ein Kloster und/oder Sozialeinrichtungen, ein Internat, oder Beherbergungseinrichtungen einziehen. Der große Klosterpark könnte den Bewohnern und Gästen der Stadt Eger als Ruhezone zur Verfügung stehen.

Mit der Unterzeichnung der Petition unterstützen Sie die Bemühungen des Vereins für den Erhalt des Klosters der barmherzigen Schwestern und seine Forderung an die Stadt Eger, aktiv zu werden und die Rettung des historisch und denkmalschützerisch erhaltenswerten Gebäudekomplexes zu unterstützen und voranzutreiben! Denn ein zerstörtes Denkmal kann nicht mehr zum Leben erweckt werden!"

 

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Karl W. Schubsky