Zur Stellung der Deutschböhmen in Europa in Vergangenheit und Gegenwart.“

„Als Fremde im tschechischen Haus oder gemeinsames Haus Böhmen?

Ressorts: Oberfranken, Bayern, Interkulturell, Politik, Region, Kultur, Hintergrund, Wissenschaft und kulturelle Bildung

Artikelinformationen

Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Donnerstag, 14 April 2016 16:44

Empfehlen

Artikel drucken

Am ersten Aprilwochenende 2016 traf sich eine Gruppe Interessierter im Hotel Haus Silberbach bei Selb. Der Tagungsort der bayerisch-tschechischen Sozialakademie und der evangelischen Familienerholungsstätte war bewusst so gewählt, weil die Einrichtung sich mit ihren Angeboten über Ländergrenzen hinweg an eine breite Zielgruppe richtet.

Das 3-Tage-Seminar war Teil des Projekts der Seliger-Gemeinde Bayern „Nicht spurlos aus der Geschichte verschwinden. Zeitzeugnisse von Deutschböhmen in Wort und Schrift", welches aus Mitteln des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds bezuschusst wurde.

 

Der Historiker Dr. Karl Schubsky eröffnete die Reihe der Vorträge mit seinem Beitrag über „Chancen des Internets zur Pflege der Erinnerung – Grenzen und Möglichkeiten". Dr Schubsky stellte die geschlossene Facebook-Gruppe „Böhmen – Mähren – Schlesien" vor. Die Gruppe im Sozialen Netzwerk hat nach drei Jahren etwa 1.700 Gruppenmitglieder. Er erläuterte, dass seit dem Jahr 1850 der deutsche Begriff Eger und der tschechische Begriff „ Cheb" aufgrund der Zweisprachenverordnung gleichwertig als Amtssprachen verwendet wurden. Durch die Facebook-Gruppe wurde die Ortsgruppe der Deutschen in Eger wiederbelebt und nimmt seither die Vertretung in der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien wieder aktiv wahr. Dr. Schubsky zeigte sich erfreut, dass die „3. Generation der Angesiedelten" sich um die deutsche Vorgeschichte ihrer Orte in Grenzgebieten kümmere.

Die Fortsetzung übernahm Frau Dr. Anna Habánová aus Liberec / Reichenberg. Sie berichtete in ihrem Beitrag über abgeschlossene Projekte wie z. B. „Mladí lvi v kleci" („Junge Löwen im Käfig") oder die Künstlerin Mary Duraz (1898–1982), welche in Wien geboren wurde, aber die meiste Zeit ihres Lebens in Prag gewirkt hat. Ein großes Projekt war die Ausstellung über Erwin Müller aus Reichenberg (1893–1978) und die Ausstellung „1906" über deutsch-böhmische Künstler in Tschechien sowie den Metznerbund. Alle Projekte sind auf der zweisprachigen Homepage http://www.nemeckoceskeumeni.cz dokumentiert.

Die Referentin erläuterte, dass viele Kunstwerke aufgrund mangelnden Interesses verlorengegangen seien. Im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert habe es nur tschechische oder deutsche Kunstvereine und Netzwerke gegeben, weil eine sprachenübergreifende Zusammenarbeit politisch nicht gewollt war.

Ihr aktuelles Projekt ist überschrieben mit „Kunst der Deutschböhmen in Sibirien" (Na sibiř!).

Über „Aktuelle Entwicklungen in der Vertriebenenpolitik am Beispiel des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds – die Entwicklung und Bedeutung" berichtete Albrecht Schläger, Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen (BdV). Seit 1998 arbeitet der deutsch-tschechische Zukunftsfonds mit Sitz in Prag als Stiftung nach tschechischem Recht und kann jährlich etwa 3,5 Mio. Euro an Zuschüssen für 600-700 Projekte pro Jahr ausgeben. An Einzelprojekten verwies er auf die Unterstützung der Zwangsarbeiter aus Tschechien im „Dritten Reich" und die deutschen Zwangsarbeiter in Tschechien nach dem 8. Mai 1945. Das „Festival Mitte Europa", der deutsch-tschechische Kindergarten in Schirnding oder die deutsch-tschechische Fußballschule durften in den Ausführungen nicht fehlen. Seit Kurzem werden auch berufsbildende Maßnahmen im Bereich des Tourismus gefördert.

Das Modul „ Musik als Teil des Erbes der Deutschböhmen" gestaltete Peter Heidler aus Hof mit seinen Ausführungen über die Entstehung der Polka.

Lenka Kopřivová von "Post Bellum" aus Prag sollte über "Erinnerung, kollektives Gedächtnis und Rekonstruktion von Vergangenheit – Reflexion und Erfahrungsbericht" über den Beitrag des tschechischen Partners zum Projekt „Nicht spurlos aus der Geschichte verschwinden" referieren.

Kurzfristig sprang Herbert Schmid ein und erläuterte das Projekt „Memory of Nations" als webbasiertes Projekt der Dokumentation von "oral history". Die mehrsprachige Internetplattform werde von der tschechischen Nichtregierungsorganisation "POST BELLUM" in Prag koordiniert und habe die Kooperationspartner „Cesky Rozhlas" und das „Institut zur Erforschung totalitärer Regime". Die Sammlung der Zeitzeugeninterviews werde online archiviert und der Tschechische Rundfunk stelle dafür die Technologie zur Verfügung, um Interviews in regelmäßigen Hörfunkbeiträgen zu senden. Das international angelegte Projekt bringe die Interviews in der Originalsprache und einer englischen Übersetzung. Der Zugang ist möglich über: http://www.memoryofnations.eu/

Für das Kooperationsprojekt mit der Seliger-Gemeinde habe wurden bereits Interviews geführt mit: Irma Müller (geb. 1926), Olga Sippl (geb. 1920), Adam Stupp (geb. 1927), Peter Heidler (geb. 1946), Rudolf Peller (1926), Otto Kögler (geb. 1921), Lorenz Knorr (geb. 1921) und anderen.

Der Kulturwissenschaftler Herbert Schmid erörterte die Zukunft des historisch-politischen Lernens unter dem Thema „ Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses an nachwachsende Generationen".

Die „Generation Aufarbeitung" sicherte Quellen und Orte der Erinnerung, gab den Opfern ihre Namen zurück, führte Zeitzeugeninterviews, um gegen das Verdrängen und Vergessen wollen der 1950er Jahre anzukämpfen.

Die Authentizität von Zeitzeugen im Gespräch böte einerseits über die Faszination ihrer Erzählungen gute Motivation, andererseits sei aber auch dringend die Reflexion nötig: Was konnte der Berichterstatter aus eigener Erfahrung wissen? Was erzählt er, um die Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen? Oral History sei immer subjektiv und lückenhaft, aber auch die Bestände der Archive liefern nicht alle Details für die wissenschaftliche Geschichtsschreibung. Wechselseitige Achtung beider Erzähltraditionen forderte in diesem Zusammenhänge Peter Heidler.

Die grundlegende Einsicht, dass Geschichte immer Rekonstruktion von Vergangenheit aus dem Blickwinkel des Betrachters in der Gegenwart sei und das Interesse an Geschichte stets bezogen auf die Zukunft sei, bilde den Hintergrund für die Auswahl der Themen und die unterschiedlichen, interessegeleiteten Deutungsversuche von historischen Fakten, Strukturen und Zusammenhängen.

Demokratische Erinnerungskultur muss abweichende Deutungen durch plurale Geschichtsbilder ertragen können. Dafür entsprechende Kompetenzen zu vermitteln, sei die Hauptaufgabe für die Zeit nach dem Ableben der letzten Zeitzeugen.

In einem zweiten spontanen Beitrag von Albrecht Schläger über den deutsch-tschechischen Kulturraum spielte der Referent mit der widersprüchlichen Formulierung „Grenze verbindet".

Er selbst verstehe sich immer mehr als Zeitzeuge historischer Entwicklungen, die vor 30 Jahren nicht denkbar gewesen wären.

Rückblickend sei das „Brünner Nationalitätenprogramm" von 1899 mit seiner Forderung nach einer Umbildung der Monarchie in einen demokratischen Bundesstaat autonomer Völker bereits Symptom für das im Gang befindliche Auseinanderdriften gewesen, ob wohl es heute von manchen als wegweisend bewertet werde.

Deutsche und Tschechen lebten Jahrhunderte lang nebeneinander im gleichen Raum, haben deshalb über lange Zeit eine gemeinsame Geschichte.

1929 sei die DSAP unter Führung von Ludwig Czech in eine Koalitionsregierung eingetreten, in der der Parteivorsitzende die Ämter des Ministers für soziale Fürsorge, später des Arbeitsministers und zuletzt des Gesundheitsministers ausgeübt habe.

Schwierig sei das Zusammenleben auch nach den Erdrutschwahlen von 1935 geworden, als die Sudetendeutsche Partei (SdP) Zweidrittel (68 %) aller deutschen Stimmen erhalten habe.

Der gemeinsame Kulturraum sei in den Jahren 1938 bis 1948 nahezu zerstört worden und die Trennung von 1948 bis 1989 durch die Konfrontation der weltanschaulichen Machtblöcke entlang des Eisernen Vorhangs" verlängert worden.

Erst mit der „Neuen Ostpolitik" unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt konnte die Ungültigkeit des München Abkommens am 11. Dezember 1973 in einem völkerrechtlichen Vertrag mit der Tschechoslowakei, in dem das Abkommen von München für nichtig und die gemeinsame Grenze für unverletzlich erklärt wurde, durch eine westdeutsche Regierung anerkannt werden.

Weitere Schritte der Annährung folgten im Jahr 1997 mit der deutsch-tschechischen Erklärung, in der die deutsche Seite das Unheil durch das Münchner Abkommen bedauert, wofür die tschechische Seite Leid und Unrecht an den Deutschen und die Tatsache, dass die Täter nicht bestraft worden wären , verurteilt.

In der Abschlussdebatte verwies Frau Radovska auf den schädlichen Einfluss mancher Medien auf die Meinungsbildung in Tschechien.

Dr. Franz Worschech fordert zu differenzieren, dass das Verhältnis von Deutschen zu Tschechen nicht mit der Beziehung von Sudetendeutschen zu Tschechen gleichzusetzen sei.

 

Über den Autor

Karl W. Schubsky