Vertreter von fünf Ländern diskutierten über gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraum

Achte „Marienbader Gespräche“

Ressorts: Bayern, Unternehmen und Märkte, Österreich, Tschechien, Region, Wirtschaft

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Autor

Hermann Höcherl

DATUM

Samstag, 21 November 2015 19:28

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Augenmerk muss auch der Donauraum-Strategie gelten

Rund 200 Vertreter von Unternehmen, Behörden und Institutionen aus Ostbayern, Österreich, Tschechien, der Slowakei und Ungarns tauschten sich vergangene Woche im tschechischen Marienbad bei den nunmehr achten „Marienbader Gesprächen" über die Positionierung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums zwischen den Metropolen München, Nürnberg, Prag und Wien aus. Eindringlich wiesen der Organisator des bewährten Gesprächsforums, der Leiter der Außenwirtschaftsabteilung in der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Ludwig Rechenmacher und deren Präsident Dr. Georg Haber auch auf die vielfältigen Aktivitäten hin, die im Bereich der EU-Donauraum-Strategie vorrangig unter österreichischer Regie am Laufen sind. Hier müssten sowohl die Europaregion Donau-Moldau als auch die Euregiones in die Planungen und Vorhaben eingebunden werden, sich einbringen, wie es die Handwerkskammer im Sinne der Betriebe bereits konkret angeht. Aber auch die Politik sei gefordert, ein stärkeres Augenmerk darauf zu richten und zu handeln.

 

In drei Arbeitskreisen wurden – auch unter dem Gesichtspunkt des Beginns einer neuen Förderperiode – unter anderem folgende Fragen diskutiert: Wie kann der Grenzraum im Kampf gegen den Fachkräftemangel zusammenarbeiten? Wie können Hemmnisse, die grenzüberschreitende wirtschaftliche Aktivitäten behindern, abgebaut werden? Kann die Flüchtlingsproblematik auch als grenzüberschreitende Herausforderung und Chance gesehen werden?

Grundvoraussetzung Sprache

Einige Zahlen zu Ostbayern: In der Oberpfalz und Niederbayern gibt es (Stand 2014) 37.125 Betriebe, 19.950 Unternehmen (Stand 2011) mit über 205.000 Beschäftigten und mehr als 16.000 Ausbildungsverhältnissen. Es kommen, so Joachim Ossmann. Leiter der Arbeitsagentur Schwandorf, nach wie vor mehr tschechische Arbeitnehmer nach Bayern als umgekehrt: Aktuell arbeiten 13.500 tschechische Beschäftigte in Ostbayern. In der ganzen Tschechischen Republik ist ganz Deutschland mit rund 2.600 Arbeitnehmern vertreten. Insgesamt stehe der Arbeitsmarkt auf beiden Seiten der Grenze gut da, was im Nachbarland insbesondere die Stadt und Region Pilsen betrifft. Dennoch ist großer Verbesserungsbedarf vorhanden: „"Es muss möglich sein dass man zwischen den Staaten unserer Region die gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen zuwege bringt oder zumindest klare und praktikable Möglichkeiten einer Ergänzungsqualifizierung schafft, wenn es nicht anders geht", forderte Kammerpräsident Dr. Georg Haber.

Nach Ludwig Rechenmacher gibt es in Tschechien Überlegungen, das duale Ausbildungssystem einzuführen, wodurch die gesamte Problematik wesentlich entschärft würde. Allerdings müsse man sich dabei am rechtlichen System und den Berufsbildern in Tschechien orientieren. Übereinstimmend stellten die Teilnehmer fest, dass beim Lernen der jeweils anderen Sprache als unabdingbare Voraussetzung für eine Arbeit im Nachbarland „noch viel Luft nach oben sei". Doch gebe es nach einer Flaute – nach der Einführung von Englisch als erster Fremdsprache – wieder gute Entwicklungen durch die Betonung von „Deutsch als zweite Fremdsprache", die Arbeit vieler privater und staatlicher Initiativen, so auch der Deutschen Botschaft und der bayerischen Repräsentanz.

Flüchtlingsfrage: Optimismus

Zwei aktuelle Herausforderungen beschäftigten die Teilnehmer weiter besonders: die Flüchtlingsfrage und die Digitalisierung im Handwerk. Konsens herrschte darüber, die große Zahl der Flüchtlinge als Chance zu begreifen: „81 Prozent sind jünger als 35 Jahre und viele davon sind Kriegsflüchtlinge mit Bleibeperspektive. Das ergibt ein sehr großes Bildungspotential", betonte Joachim Ossmann von der Arbeitsagentur Schwandorf. Toni Hinterdobler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, appellierte an die Teilnehmer: „Europa muss jetzt zusammen helfen. Diese große Aufgabe der Integration müssen wir gemeinsam vollziehen." Der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Regionalen Wirtschaftskammer der Region Pilsen, Zdenek Muzik, befürchtet in der Flüchtlingsfrage zwar Probleme auf sozialer und gesellschaftlicher Ebene, betonte aber gleichzeitig, man lasse die Nachbarn damit nicht alleine. Auch Tschechien wolle beweisen, dass es ein integrierender Teil Europas sei. Präsident Dr. Georg Haber sagte, er wisse, dass Tschechien etwa bei der Integration von Bürgern aus der Ukraine Erfolge erreicht habe, die der Anerkennung wert seien.

Das Thema Digitalisierung, auch „Handwerk 4,0" genannt, sorgte ebenfalls für Gesprächsstoff. Man war sich einig, auch diese Aufgabe grenzübergreifend in Angriff nehmen zu wollen. Unterstützung sollten dabei vor allem kleinere Betriebe erfahren, um den Anschluss gegenüber den „Großen" nicht zu verpassen. Dazu kommen die Notwendigkeit, die Digitalisierung im Bereich Aus- und Fortbildung zu forcieren, so Andreas Keller, Bereichsleiter Beratung in der Handwerkskammer. „Es gibt noch viele Hausaufgaben zu machen", folgerte aus allem die tschechische Konsulin im Generalkonsulat in München, Lydia Holinkova, vor allem die Politik ansprechend. Trotzdem seien die bayerisch-tschechischen Beziehungen derzeit so gut wie nie zuvor. Auch die slovakische Konsulin im Generalkonsulat von München, Nadezda Cisarova, betonte die Notwendigkeit, die bestehende Zusammenarbeit noch weiter zu vertiefen und mit Leben zu erfüllen.

Erfolgsgeschichte Marienbad

Das besondere an „Marienbad" sei, so Kammenpräsident Dr. Georg Haber, dass sich hier Experten aus Bayern, Böhmen, der Slowakei, aus Österreich, Slowenien und Ungarn treffen, Fachleute aus unterschiedlichen Institutionen und Unternehmen mit praktischen Erfahrungen im grenzüberschreitenden Arbeiten. „Alle bringen sie ihre Kompetenzen ein und vermitteln sich so gegenseitig Einblicke und Kontakte. Inzwischen sind viele erfolgreiche Projekte zwischen Partnern entstanden, die vorher gar nichts von einander wussten. Europa entsteht an seinen Grenzen." Das sahen auch die Teilnehmer so. In allen drei Arbeitskreisen und in den Gesprächen darüber war man sich klar, dass die Region gemeinsame Standortstärken nicht geschenkt bekomme – sie müssen erarbeitet werden. Denn die Probleme der Zukunft sind in allen Grenzregionen ähnlich: Die Bevölkerung wird älter, die Infrastruktur, vor allem im Verkehrssektor, muss verbessert und die Abwanderung der jungen Menschen und der jungen Familien verhindert werden.

Wirklich das „Finale"?

Zum achten Male nun, so Dr. Georg Haber in seinen Schlussworten, habe der Organisator und „Vater" der „Marienbader Gespräche", Ludwig Rechenmacher, dieses Treffen organisiert. Diese Veranstaltungen in Marienbad seien die Krönung seiner Arbeit in der Handwerkskammer – die Krönung der Zusammenführung der Ostbayern mit ihren Nachbarn aus Böhmen, der Unternehmer mit den Verwaltungsleuten, der Verwaltungsleute untereinander und über die Grenzen hinweg oder auch des Zolls mit den Sozialversicherungsprüfern. Die heutige Veranstaltung belege die Komplexität, mit der Ludwig Rechenmacher seine Arbeit immer verstanden habe.

Er sprach ihm im Namen der Handwerkskammer und auch persönlich größten Dank aus für seine Kompetenz und Unermüdlichkeit, gepaart mit Leidenschaft. Diese achten „Marienbader Gespräche" seien auch sein großes Finale – denn im nächsten Jahr werde Ludwig Rechenmacher in den Ruhestand verabschiedet. Doch der so gelobte „Vater" ließ es im persönlichen Gespräch durchaus offen, ob er denn in seinem „Ruhestand" nicht weiter seinem „Kind", den „Marienbader Gesprächen" beistehen und der grenzüberschreitenden Arbeit seine Erfahrungen zur Verfügung stellen werde...

 

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