Grenzmuseum präsentiert Ausstellung über diese interessante Region

Was ist eigentlich die „Fraisch“ ?

Ressorts: Oberpfalz, Museen und Galerien, Kultur, Ausstellung

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Montag, 25 Juni 2012 14:43

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Ausstellung Fraisch

Die bayerisch-böhmische Grenze war im 19. Jahrhundert in dem Gebiet, wo das Egerland, also das Territorium der Stadt Eger, und das Stiftland, also das Klosterland des Stifts Waldsassen, aneinander stießen, mehr überlappend als trennend. Im gesamten Raum, der egerisch-stiftischen „Fraisch", besaßen die Bewohner eine beinahe einheitliche Geschichte, Sprache und Kultur, die im heute bayerischen Teil noch immer gepflegt werden, während sie im tschechischen Teil nur noch in spärlichen Resten vorhanden sind. Das „Bayerische Grenzmuseum Schirnding" präsentiert anlässlich des 150. Jahrestag des Abschlusses des „Wiener Vertrags" am 24. Juni 1862 im oberpfälzischen Neualbenreuth seine Ausstellung „Die Fraisch – eine wechselvolle Region – 150 Jahre bayerisch-böhmische Grenze 1862 – 2012"

 

Die „Fraisch", alle reden davon und die meisten von ihnen wissen aber nicht, worüber sie eigentlich sprechen. Denn: Was ist der, die oder das „Fraisch"? Es heißt zunächst einmal „die Fraisch". Aber was ist noch einmal eine „Fraisch"? Dafür sollte sich der Wissbegierige ein paar Jahrhunderte in der Vergangenheit zurückbegeben, wo er die Erklärung dafür finden kann. Zunächst einmal schien es, als handle es sich bei dem Begriff „Fraisch" respektive „Frais" um ein lokales Phänomen, der sich alleine auf das ein Gebiet an der bayerisch-tschechischen Grenze beziehen würde, das auch heute noch auf Oberpfälzer Seite als „Fraisch" bezeichnet wird, da es heißt: „Die Frais (mundartlich Fraisch) ist ein kleines Gebiet am Fuße des 939 Meter hohen Tillenberges, der als einer der geografischen Mittelpunkte Europas gilt. Bis über das Ende des Alten Reiches hinaus war das Gebiet um Neualbenreuth im Landkreis Tirschenreuth ein Kondominium zweier Reichsstände bzw. ihrer Rechtsnachfolger, des Königreichs Bayern und des Kaisertums Österreich. Die Herrschaftsrechte und Gerichtsbarkeiten waren demnach geteilt."

Daher erschien es auf den ersten Blick als logisch, dass der Begriff irgendwie aus der egerländerischen Mundart stammen könnte und einen direkten Bezug zu diesem kleinen Gebiet hat, in dem sich mancher ihrer Bewohner noch heute als den „letzten Rest vom Egerland" bezeichnet. Somit würden sie zu dem Sprachgebiet gehören, über das Dr. Hermann Braun sagte: „Unser oberpfälzisch-egerländisches Sprachgebiet gehört zum Oberdeutschen, genauer gesagt zum Bairischen, das im S[üden] bis zur Salurner Klause, im SO[Südosten] bis zur slowenischen und im 0[sten] bis zur deutsch-tschechischen Sprachgrenze reicht, sich im N[orden] scharf gegen das Mitteldeutsche (Vogtländisch-Thüringische und Obersächsische), im W[esten] gegen das Ost- und Südfränkische absetzend." Wer nun aber meint, die „Fraisch" sei ein lokal-egerländerisches Phänomen, geht fehl, denn bei genaueren Nachforschungen kam heraus, dass es zumindest noch eine weitere „Fraisch" gegeben hat. In der Veröffentlichung „Pegnitz – Veldensteiner Forst" von Gerhard Philip Wolf/Walter Tausendpfund wird ebenfalls eine „Fraisch" erwähnt, aber diesmal im Raum an der Grenze zur Fränkischen Schweiz.

Allerdings taucht der Begriff „Frais" (oder auch „Freis" und „Fraisch") immer wieder im Zusammenhang mit der Landeshoheit auf, erlangt dabei zunehmend Bedeutung. Die ältesten Nachweise dieses Begriffes lassen erkennen, dass dieses Wort im Althochdeutschen „Gefahr, Not, Schrecken, Verderben" bedeutete. Doch er dringt daneben auch in die Rechtssprache ein und steht hier für „Gerichtsbezirk, Zuständigkeitsbereich" mit der „dazu gehörigen Strafgerichtsbarkeit". Fraisch bedeutet somit auch Gericht über Leben und Tod. - Durch die sich immer mehr abzeichnenden Konflikte der in der Kontaktzone zwischen Eger und Waldsassen liegenden Ländereien untereinander kam es am 2.11.1415 zum Schiedsspruch vor dem Egerer Landgericht „umb recht auf hals zu Albenreut und zu Hardeck".

Der „Wiener Vertrag"

Doch zurück zur böhmisch-bayerischen „Fraisch" und zur Ausstellung des „Bayerischen Grenzmuseums Schirnding" im Neualbenreuther Sengerhof. Sie behandelt die Entstehung des Gebiets bis zum Ende durch den „Wiener Vertrag" im Jahre 1862. „Zum Fraisgebiet gehörten nach dem Egerer Landsteuerbuch von 1395 und dem waldsassischen Salbuch vom Ende des 14. Jahrhunderts die ‚gemengten Ortschaften' Neualbenreuth, Altalbenreuth, Gosel und Querenbach, des Weiteren die ‚ungemengten Orte' Hardeck, Schachten, Boden, Alt-Mugl, Maiersreuth, Schönlind, Ottengrün und Hatzenreuth." Damit entstand über Jahrhunderte eine Quelle ständiger Querelen und Streitigkeiten zwischen der Stadt Eger und dem Stift Waldsassen darüber, wer nun eigentlich das Sagen hatte.

Der vor 150 Jahren unterzeichnete „Wiener Vertrag" beendete letztendlich damit auch diese regionalen Streitigkeiten, die mit dem „Egerer Rezess" von 1591, der nur vorübergehend gelten sollte und eigentlich eher eine provisorische Maßnahmen darstellte, erst einmal beigelegt worden waren. Der Fraisrezess wurde im Zentrum des Fraisgebietes – also im heutigen Markt Neualbenreuth – am 29.7.1591 auf dem Marktplatz verlesen. „Diese öffentliche Verkündigung wiederholte sich nun jedes Jahr am 29.7. zu Beginn der turnusmäßigen Ablösung der Gerichtsbarkeit. Anschließend gab es auf dem Hardecker Schloss einen kleinen Empfang für die beteiligten Herren. In geraden Jahren hatte Eger die Landeshoheit inne und sonst die Obere Pfalz", zu der das Stift Waldsassen inzwischen gehörte.

„Kleine Freihandelszone"

Was ist aber mit „gemengt" und „ungemengt"? In den bereits erwähnten Dörfern lebten Menschen, die staatsrechtlich entweder Untertanen des Reichslandes Eger oder des Stifts Waldsassen waren. Dieser Zustand führte zu einem recht schwunghaften Handel in dieser entstandenen kleinen Freihandelszone und verleitete die Einwohner „gelegentlich" auch zum Paschen, also Schmuggel, was aufgrund der „nachbarschaftlichen" Verhältnisse und Nähe keine größeren Schwierigkeiten machte. Den Rechtsnachfolgern dieser Gebiete, dem Königreich Böhmen in der Österreich-ungarischen Monarchie einerseits und dem Königreich Bayern auf der anderen Seite waren diese Verhältnisse zu „durchmengt". Sie bevorzugten eine lineare Grenzziehung, nachdem in den ungemengten Ortschaften ausschließlich Untertanen eines der beiden Gebiete lebten. Die beiden Monarchien erörterten daher seit Beginn des 19. Jahrhunderts Tauschvorschläge, um die egerisch-waldsassische Frais zu beenden, nachdem mittlerweile war ja auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, zu dem beide Staaten gehört hatten, nicht mehr existent war. Die Vorbereitungen des Tausches gingen allerdings recht schleppend vonstatten.

Das Thema „Fraisch" erscheint recht kompliziert und auf den ersten Blick auch als ziemlich verwirrend. Wer sich nun darüber eingehender informieren oder seine Kenntnisse vertiefen möchte, der sollte nicht versäumen, sich die Ausstellung des Bayerischen Grenzmuseums Schirnding anzuschauen, um darüber auch Aufklärung zu erhalten, wie es zum heutigen Grenzverlauf gekommen ist, der beispielsweis. dafür sorgte, dass Ottengrün bayerisch, Schönlind, Gosel, Boden und Altalbenreuth aber zu Böhmen kamen.

Die deutsch-tschechische Ausstellung wurde in Kooperation mit dem Staatlichen Archiv Eger erstellt und von der Euregio Egrensis, dem deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, der Sparkasse Oberpfalz Nord und der Raiffeisenbank Waldsassen finanziell gefördert und unterstützt. Sie ist im historischen Sengerhof in Neualbenreuth (Landkreis Tirschenreuth) bis zum 20. Juli für Besucher zugänglich.

 

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Karl W. Schubsky