Ein deutsch-tschechisches Seminar

Pflege der jüdischen Kulturgeschichte in Böhmen und Bayern

Ressorts: Südböhmen, Tschechien, Interkulturell, Region, Kultur, Heimat und Brauchtum, Wissenschaft und kulturelle Bildung

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Samstag, 19 September 2015 10:09

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Ein deutsch-tschechisches Seminar in den Räumen des Adalbert-Stifter-Zentrums in Oberplan in Südböhmen. Zum Seminarprogramm gehörten die Filmvorführung „Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Böhmerwald und im Bayerischen Wald", eine Exkursion nach Rosenberg a. d. Moldau und die Eröffnung einer deutsch-tschechischen Ausstellung.

Zu einem besonderen Seminar hatten Dr. Zuzana Finger, die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, und Ing. Jakub Ded von Omnium z. s. dieses Mal nach Oberplan im Böhmerwald eingeladen. Es ergab sich, dass ihr deutsch-tschechisches Seminar gerade an zwei spätsommerlichen Frühherbsttagen kurz vor dem jüdischen Neujahrsfest – Rosch Haschana – im September stattfand. Verschiedene Referenten und Aktivisten stellten ihre oft ganz speziellen Projekte im Rahmen ihrer Auseinandersetzung und Behandlung der über 1000jährigen Geschichte jüdischer Geschichte und Kultur in Bayern und Böhmen vor, alles eben, was unter Pflege jüdischer Kulturgeschichte läuft. Dabei wurde auch klar, wie sensibel der Umgang damit ist und dass man damit in Bayern zum Teil anders Umgangen umgegangen ist, aber auch in der Tschechischen Republik inzwischen neue und bessere Wege gegangen werden! – Eines ist aber ganz ersichtlich, dass der Umgang mit jüdischen Kulturdenkmälern am Beispiel der Judenfriedhöfe in manchen Landesteilen, besonders aber in den Grenzgebiet (siehe z. B. Eger, Franzensbad, Eidlitz oder Staab) schwer im Argen liegt, besonders dort, wo die Anlagen der jüdischen Gemeinschaft weggenommen worden sind.

 

Den Eröffnungsvortrag hielt Magister Josef Märc vom Gymnasium in Komotau, der über „Kalek / Kallich jüdisch und tschechisch", eine kleine Gemeinde bei Komotau im Erzgebirge sprach. 1944 entstand hier in Heinrichsdorf ein Lager, in dem tschechische Männer eingesperrt wurden, die eine Jüdin zur Frau hatten.

Ing. Jan Kindermann von der Föderation der jüdischen Gemeinden war aus Prag nach Oberplan gekommen und stellte das „Projekt der Revitalisierung jüdischer Denkmäler 10 Sterne" vor, das man als Privatinitiative an der ehemaligen Synagoge in Ckyne/Kieselhof bereits durchgeführt hat, wie Ing. Vladimir Silovsky von der Regionalen Entwicklungsagentur Böhmerwald zu berichten wußte. Diese Synagoge wurde nicht nur liebevoll restauriert und wird als lokales Museum und Informationszentrum genutzt, sie kann jetzt auch wieder als jüdisches Bethaus genutzt werden. Ihr blieb somit das Schicksal zahlreicher böhmischer Synagogen und anderer jüdischen Kulturdenkmäler erspart, wie es in der Ausstellung „Vernichtete jüdische Denkmäler Nordböhmens 1938-1989" dokumentiert wird, die zur Zeit im Sudetendeutschen Haus in München gezeigt wird. Darüber sprach Mar. Bara Vetrovska aus Aussig in ihrem Beitrag über „Der Gedächtnisverlust – jüdische Denkmäler in Nordwestböhmen". Sie - und auch weitere nachfolgende Referenten aus der Tschechischen Republik – zeigte, dass das von den Nazis begonnene Zerstörungswerk von den tschechischen Kommunisten fortgeführt wurde. Letzteren stand für deren Untaten mehr Zeit zur Verfügung, als diese die Nationalsozialisten hatten.

Exkursion zu den beiden jüdischen Friedhöfen in Rosenberg an der Moldau

Zum Seminar gehörte auch eine Exkursion zu den beiden Judenfriedhöfen in Rosenberg a. d. Moldau, wo die Teilnehmer bereits von Dr. Helmut Fiereder aus Linz an der Donau vom dortigen Verein „Wider das Vergessen" erwartet wurden. Dr. Fiereder und seine Vereinsfreunde kümmern sich seit Jahren um den Erhaltungszustand des Neuen Friedhofes, haben dessen Fläche von Wildwuchs befreit, die Friedhofsmauer saniert und die Standfestigkeit der Grabsteine gesichert. Die dazu notwendigen finanziellen Mittel hat der Verein in eigener Regie besorgt und die Mitglieder waren auch an den Arbeiten aktiv beteiligt. Nach dem kurzen Rundgang über das Friedhofgelände mit seinen zumeist zweisprachigen Grabsteinen mit deutschen und hebräischen Texten ging es nach einer kurzen Kaffeepause in einem nahegelegenen Restaurant am Moldauufer weiter in die kleine, von einem alten Schloss überragten Stadt und zum dort gelegenen Alten Judenfriedhof von Rosenberg, den man nach 1880 aufließ und dafür seit 1883 den Neuen als letzte Ruhestätte für die Juden der Stadt und aus der ganzen Umgebung benutzte. Heute sind auf diesem Friedhof noch etwa 30 alte Grabsteine erhalten geblieben.

In Rosenberg zeigt sich, dass eine grenzübergreifende Zusammenarbeit durchaus möglich ist und alte, seit dem Mittelalter bestehende Verbindungen auch ohne dort lebende Juden gepflegt werden können, indem man einfach die Spuren ihrer Anwesenheit pflegt und erhält, besonders eben die Judenfriedhöfe, die im Gegensatz zu den Synagogen oder Bethäusern ewige Ruhestätten sind, was aber zu vielen Deutschen und besonders Tschechen bisher noch nicht durchgedrungen ist. – Was man besonders in Cheb / Eger an der dortigen völlig sinnlosen Zerstörung und Überbauung mit 08/15 Garagen klar erkennen kann. Man hat diesem Willkürakt aber einen „legalen" Anstrich gegeben und sich das Friedhofsgelände von einer nicht existierenden jüdischen Gemeinde kostenlos übertragen lassen! Zur Erinnerung an den Friedhof hat man noch dem bekannten 1914 an seinen Verwundungen in seiner Heimatstadt erlegenen Egerer Schrifsteller, Juristen und kuk-Oberleutnant DrJUR. Hugo Zuckermann – anstandshalber – einen Gedenkstein gesetzt, nachdem man ihm seine letzte Ruhestätte genommen hatte und ihm auch mit der Inschrift zusätzlich auch noch seine Sprache geraubt hat! – Doch dieses Thema wurde während des Seminars kurz vor dessen Ende vom Schreiber dieses Beitrags erörtert, der sich über diesen tschechischen „Landraub" doch sehr empört zeigte.

An dieser Stelle soll noch auf zwei weitere beachtenswerte Beiträge aufmerksam gemacht werden, die eher unbekannt waren. Herr Ing. Stanislav Ded, Direktor des Komotauer Museums, hob in seinem Vortrag über „Erich und Paul Heller – Rückkehrschwierigkeiten von jüdischen Intellektuellen in die tschechische Gesellschaft" aus der großen Zahl der jüdischen Persönlichkeiten aus Komotau die Arztsöhne Erich Heller, Germanist (1911-1990) und Paul Heller, Arzt (1914-2001) hervor. - Erich Heller ist nach seinem Jurastudium in Prag im Jahre 1939 nach England geflohen und lebte ab 1960 in den USA, wo er an der Northwestern University in Evanston lehrte. Er hat sich besonders mit seinen Arbeiten über Thomas Mann einen Namen gemacht. Weltberühmt sind seine Bücher The Disinherited Mind, Harmondsworth, Penguin Books, 1961, auf Deutsch Enterbter Geist. Essays über modernes Dichten und Denken. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1954 und Thomas Mann. Der ironische Deutsche. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1959.

Stanislav Ded hat bereits 2003 eine Ausstellung über die Hellers gemacht. Caroline Heller, Tochter von Paul Heller, der 6 Jahre lang in KZs eingesperrt war, kam aus den USA zur Ausstellungseröffnung und schaute sich die Heimatstadt ihres Vaters und Onkels an. Erst 8 Monate nach ihrem Besuch meldete sich mit einem Brief bei Herrn Ded wieder und äußerte ihr Entsetzen über den verwüsteten jüdischen Friedhof von Komotau. Der Friedhof ist seit 2007 wieder hergerichtet und öffentlich zugänglich, 2008 wurde ein Denkmal eingeweiht. - 2011 organisierte Stanislav Ded anlässlich der 100. Geburtstages von Erich Heller in Komotau eine Ausstellung von Peter Fischerbauer „Wortabdrücke". Geplant war auch eine germanistische Fachtagung mit der Karls-Universität in Prag, die aber nicht zustande gekommen ist. Den Grund davor sieht Herr Ded darin, dass aufgrund der jahrzehntelangen Isolation der tschechischen Germanistik Erich Heller ein Unbekannter ist, dessen Bedeutung nicht erkannt wird.

Frau Lenka Hulkova, Leiterin des Adalbert-Stifter-Museums, hat sich anhand der Ortschronik und Fotos aus dem Fotoatelier Seidel in Böhmisch Krumau auf die Spurensuche der Oberplaner jüdischen Familien Wedels, Herlinger, Schwarz und Kohn begeben. Obwohl diese Familien als Kaufleute, Fabrikgründer und Unternehmer das kulturelle und wirtschaftliche Leben bis 1938 wesentlich prägten, verliert sich danach ihr Schicksal aus dem Geschichtsbewusstsein. - Bezeichnend ist die Geschichte des örtlichen Kriegerdenkmals in Oberplan, das 1938 entfernt wurde, weil auf der Gedenktafel der Name von „Rudolf Kohn", dem Träger der Tapferkeitsmedaille, stand. Als die Gemeindeverwaltung das Kriegerdenkmal in den 90er Jahren wieder aufgestellt hatte, regte sich Widerstand gegen das „deutsche" Denkmal. - Frau Hulkova forscht nach den verschwundenen jüdischen Oberplanern und rekonstruiert anhand der erhaltenen Fotos das Aussehen Oberplans in den 30er Jahren. Es ist ihr zum Teil gelungen, Kontakte zu den überlebenden Nachfahren zu schließen, zum Teil verliert sich die letzte Spur nach der Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager. So auch die Spur der Familie Schwarz aus dem nahen Glöckelberg, in deren Haus Johannes Urzidil gern zu Gast gewesen ist. Pater Engelmar Unzeitig aus der benachbarten Kirche, der gegen die Judenverfolgung gepredigt hat, wurde selbst ins KZ Dachau eingesperrt und ist dort gestorben.

Das „vorletzte Wort" des umfangreichen Seminarprogramms hatte der Journalist Hermann Höcherl aus dem Oberpfälzer Brennberg vom Verein „Europa in der Region e.V.", der über die jetzt im Adalbert-Stifter-Zentrum zu sehende Wanderausstellung „Jüdische Spuren im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet" referierte, in der auch einige beim Seminar vorgestellten jüdischen Geschichtsorte beiderseits der Grenze dokumentiert werden und damit in einem thematischen Zusammenhang zum Seminar steht. – Höcherl wies auch in seinem Referat auf die gute und langjährige Zusammenarbeit seines Vereins mit dem Adalbert-Stifter-Zentrum unter Leitung von Horst Löffler hin und bedankte sich für die Ausstellungsmöglichkeit hier vor Ort. Über seinen „Verein „Europa in der Region" berichtet Hermann Höcherl, dass dieser sich in erster Linie mit grenzübergreifenden Themen und Projekten zwischen Bayern und Tschechien befasse.

Das „letzte Wort" hatten dann zum Abschluss dann die beiden Organisatoren und Leiter des Seminars in Oberplan Dr. Zuzana Finger und Ing. Jakub Ded, die sich in ihrem abschließenden Resümee bei allen Referenten und Teilnehmerinnen und Teilnehmern sehr herzlich für deren Kommen und die rege Teilnahme bedankten und versicherten, dass man sich zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort über weitere Themen im Rahmen der Erhaltung von Denkmälern in der Tschechischen Republik wieder treffen würde und das gute deutsch-tschechische Miteinander, das bei den Seminaren herrscht noch weiter vertiefen werde.

 

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Karl W. Schubsky