Oberplan/Horni Planá und Umgebung in alten Fotos

Ressorts: Museen und Galerien, Kultur, Heimat und Brauchtum, Ausstellung

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Montag, 16 Juli 2012 20:09

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Eine neue Ausstellung im Adalbert-Stifter-Haus in Oberplan lässt die „alte Zeit" in diesem Teil des Böhmerwaldes wieder „lebendig" werden: eine Zeitreise vor und bis in eine Epoche, als der Kaiser noch von Wien aus über „sein" Land herrschte. Ausgewählte Informationen über die einzelnen Gemeinden des einstigen Gerichtsbezirks Oberplan, dazu die Beobachtungen aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, als sich der tschechische Schriftsteller Ladislav Stehlík auf die Suche nach Kontinuität zwischen dem altertümlichen und dem neuzeitigen Oberplan in Form der Figur Adalbert Stifters begab.

 

Seit Mitte Mai wird im Geburtshaus von Adalbert Stifter in Oberplan die zweisprachige Ausstellung „Oberplan und Umgebung in alten Fotos" präsentiert, welche die „deutsche Zeit" der Region wieder in Erinnerung ruft. In dem Haus, in welchem der Dichter im Jahre 1805 geboren wurde, sind nun zahlreiche Fotos zu sehen, die größtenteils von den aus Krummau stammenden Photographen Seidel (Vater und Sohn) über die Jahrzehnte hindurch gemacht worden sind. Damit greift das Museum in Oberplan erneut ein Thema auf, das sich dem deutschen Erbe im Böhmerwald widmet. Inzwischen hat man erkannt, dass böhmische Geschichte nicht unteilbar ist und sich aus zahlreichen Facetten verschiedener Kulturen zusammensetzt. - In Südböhmen sollten daher neben Deutschen, Slawen, Christen oder Juden auch die Kelten nicht vergessen werden. Zudem leben noch immer Menschen in Südböhmen, die noch immer intensiv mit ihren Ursprüngen verbunden sind, die sich beispielsweise im Böhmerwaldverein Krummau zusammengefunden haben.

Selbstverständlich besaß die Stadt Oberplan auch eine Chronik, die aber leider vergriffen ist. Die neue Ausstellung im Adalbert-Stifter-Haus hilft aber über dieses Manko ein wenig hinweg. Vergessen werden sollten auch nicht die Initiativen neuer Einwohner in Oberplan, die sich um die Adaption von Bräuchen oder Traditionen der früheren Bevölkerung bemühen, um damit eine einheitliche Grundlage für die bestehenden durchmischten Herkunftsstrukturen, ein „Gemeinschaftsgefühl" zu schaffen. Es gibt also ins Tschechische übernommenes Anknüpfungen von „Althergebrachtem".

Bereits die Ausstellungen jüngerer Zeit im Adalbert-Stifter-Haus selbst oder im Innenhof des Anwesens zeigten eine Rückbesinnung auf die Geschichte der deutschen Bevölkerung im oberen Gebiet der Moldau. Die Ausstellung zeigt eindringlich, dass Oberplan, neben Adalbert Stifter, auch für viele andere Vertreter der Böhmerwald-Literatur des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Herzensangelegenheit war. Sie charakterisieren den Ort als „wunderschön, altertümlich, gastfreundlich, gemütlich, idyllisch". Nicht ausgeklammert werden dabei auch die „tiefgreifenden Umwälzungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in denen das ursprüngliche Bild der Heimat von Stifter ziemlich schnell und endgültig unterging. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurde aus diesen Ortschaften die alteingesessene deutsche Bevölkerung vertrieben. Alleine aus dem Gebiet des damaligen Gerichtsbezirks Oberplan mussten um die fünfzehntausend Menschen fliehen. Diese Einwohnerzahl konnte dann nie wieder erreicht werden." Dazu kamen nach 1948 Verstaatlichung und Kollektivierung, der „Kalte Krieg" und die Entstehung der verbotenen Grenzzone, denn ein großer Teil der inländischen Oberplaner Region gehörte zum abgesperrten Militärübungsplatz Boletitz / Boletice.

Auch das Aussehen der Landschaft sowie das Leben der hier neu angesiedelten Bewohner erfuhren noch eine weitere einschneidende Veränderung. Adalbert Stifters „ausgedehntes und fruchtbares Tal, über das Dörfer verstreut sind, auch das Städtchen Oberplan an der sich schlängelnden silbernen Moldau" wurde seit 1958 von den Wasserfluten des großen Stausees verschlungen, der hinter neu errichteten Staumauer in Lipno nad Vltavou nach und nach entstanden war. „In den Fluten verschwanden fast 500 Häuser (bis 1945 lebten darin dreitausend Menschen) in Einöden, in 24 Ortschaften und Gemeinden und ein ganzes Städtchen – Untermoldau / Dolní Vltavice. Etliche Wasserbauten – Wehre, Wassergräben, Mühlen, Wassersägewerke, Brücken, Graphitgruben und ein Graphitwerk, viele Straßen und eine kurze Eisenbahnstrecke – gingen unter. Man musste 1670 Hektar Wald roden und 7500 hochgewachsene Bäume fällen. Unter Wasser blieben auch 14 Millionen Kubikmeter Torf...". Der Moldaustausee ist für die Bewohner der Region eine vollendete Tatsache, aber mit einer unbestreitbaren Bedeutung für den Fremdenverkehr, die Erholung sowie den Wandersport.

Die zweisprachige Ausstellung „Oberplan und Umgebung in alten Fotos" ist eine echte Reise durch Raum und Zeit, lehrreich für alle ihre Besucher. Dazu heißt es im Begleittext zur Ausstellung: „Das Vermächtnis von Adalbert Stifter wurde vom tschechischen Schriftsteller Ladislav Stehlík in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit zwei Wörtern definiert: Liebe zur Heimat. Die heutigen „Böhmerwäldler" aus der Oberplaner Region, wie viel oder wie wenig sie auch von ihrem berühmten Landsmann Stifter wissen, tragen dazu bei, dass dieses Vermächtnis lebendig bleibt. Und deshalb ist diese Ausstellung vor allem ihnen gewidmet."

Die Ausstellung im Adalbert-Stifter-Haus in Oberplan ist noch während des ganzen Sommers über für die Öffentlichkeit zugänglich.

 

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Karl W. Schubsky