"die horen", Band 245: "Geschweige denn Ostrava ..."

Neue Literatur aus Tschechien

Ressorts: Literatur, Kultur

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Autor

Pit Fiedler

DATUM

Freitag, 28 September 2012 13:58

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Das Markenzeichen der 1955 gegründeten Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik "die horen" sind heute die Auswahlbände zur fremdsprachigen Literatur. Die neueste Publikation - es ist zugleich die erste, die im Wallstein Verlag erschienen ist - präsentiert einen ebenso aufschlussreichen wie anregenden Überblick über die neue Literatur aus Tschechien. Besorgt und eingeleitet haben die Auswahl von 15 Autorinnen und Autoren mit zumeist deutschen Erstübersetzungen, wie es sich für "die horen" gehört, Mirko Kraetsch und Eva Profousová, zwei Kenner des schreibenden Metiers und umtriebige Literaturvermittler.

 

Der Titel der Anthologie "Geschweige denn Ostrava ..." weist auf eine der existentiellen Fragen hin, die Literatur immer wieder stellt. Habe ich das Leben, das ich lebe, wirklich gewählt oder will ich eigentlich ganz anders leben? Die gegebenen Antworten auf diese Frage fallen so vielfältig aus wie die in dem Buch versammelten Autoren, die ihre Kindheit und Jugend größtenteils noch unter dem kommunistischen Regime verbrachten.

In Jaroslav Rudiš Kurzgeschichte "Silvester in Bílý Potok" beschäftigt die Sinnfrage den Fahrdienstleiter Alois Nebel, den viele Leser schon aus der Graphic Novel "Alois Nebel" kennen dürften. Nebel legt mit beißender Selbstironie Rechenschaft über sein ebenso verschenktes wie erfülltes Leben in der Kleinstadt Bilý Potok ab, die früher Weißbach hieß und deutsch-tschechisch bevölkert war. Er ist davon überzeugt, dass sich eine "schicksalshafte Schlinge" seit seiner Geburt um seinen Hals windet, denn er habe sich weder das Altvatergebirge als Geburtsort noch die Eisenbahn als Lebensinhalt ausgesucht. Anderen Menschen ergeht es aber auch nicht anders. Der Bahninspektor, erzählt Nebel im mäandernden Fluss von Assoziationen, hätte sich seinen Beruf genausowenig ausgesucht wie er selbst, auch nicht seine Frau, geschweige denn Ostrava als Arbeitsort, wo ihn die mit Eisenerz und brauner Kohle beladenen Güterzüge nicht schlafen ließen. Detailreich schildert der Ich-Erzähler Nebel nicht nur seinen desolaten Gefühlszustand an Silvester 1988 sondern auch ein Stück tschechischer Geschichte duch das Vergrößerungsglas Eisenbahn.

Die ersten Liebeserfahrungen, die der Ich-Erzähler in Miloš Urbans Fragment "Lily" schildert, führen in eine typische böhmisch-österreichische Stadt namens Lieben zu Beginn des Ersten Weltkriegs zurück, als junge Leute an die amerikanischen Erfindungen wie das Fließband von Henry Ford, das bald auch die Kriegsproduktion in Österreich effektivieren würde, glaubten und Judenkinder wie selbstverständlich auf der Straße spielten. In dieser Welt nähert sich der Fabrikantensohn zärtlich unbeholfen seiner Cousine Lily an. Wie im Vorübergehen lernt er mit ihr zusammen, dass die Judenkinder im Vergleich zu ihm arm sind und dass Anglerglück an fremden Teichen nicht anhaltend sein muss, ja am Ende sogar beschämt, wenn der Vater danach zur Kasse gebeten wird. Urban gelingt es, mit wenigen Strichen und ein paar Wortwechseln eine lebendige anrührende Welt zu zeichnen und sie dem Leser nahezubringen.

Die neue tschechische Literatur ist aber nicht nur im riesigen und nach wie vor ergiebigen Steinbruch der näheren Geschichte unterwegs, sie wendet sich natürlich auch aktuellen Themen zu wie zum Beispiel dem einfach nicht aufzuhaltenden Fortschritt. Die Heldin in Jiři Hájíček Auszug "Fischblut" will nicht wahrhaben, dass ihr verbissener Kampf um ihr Dorf, das dem Kohleabbau in Nordböhmen weichen soll, ebenso vergeblich ist wie das Festklammern an ihrem letzten Liebhaber, der sie ungerührt verlässt, um mit seinen Kumpeln an anderer Stelle den Widerstand fortzusetzen. Prägnant seziert sie - wiederum kommt die Erzählperspektive des Ich zum Tragen - ihren Zusammenbruch parallelel zum schrittweisen Abriss des Hauses, in dem sie noch immer haust. Es ist die Geschichte einer der Energieförderung geschuldeten Entrechtung und Enthausung.

Das Exzerpt "Darda" - aus dem gleichnamigen Roman von Irena Dousková - wiederum handelt von der schwierigen Selbstfindung der Ich-Erzählerin. Sie verliert ihren Mann im Streit nach zwanzig Jahren. Längst sind die verbindenden Wortbrücken eingebrochen. Diagnose Krebs und Chemotherapie kündigen das Ende ihrer Gesundheit mit 40 Jahren an. Sie kann im Spiegel nichts mehr Liebenswertes an sich selbst entdecken. Aber zuletzt kann sie sich endlich innerlich von ihrem Mann trennen, ein kleiner Erfolg. Leben heißt - nicht nur in ihrem Fall - Sterben lernen.

Petra Hůlová greift in der Kurzgeschichte "Olga" das lange Zeit übersehene Schicksal ausländischer Arbeitskräfte in Prag auf. Die Ich-Erzählerin Olga weiß als Ausländerin, wie es im Wohnheim, auf den Ämtern und in der Arbeit zugeht. Sie macht sich in ihren endlosen Sätzen nichts vor und gibt erschütternde Einblicke in ihr Leben als Putzfrau am Rand der guten Gesellschaft. Zugleich ist "Olga" eine der wenigen Beiträge, die ihren Ort in Prag haben. Sonst steht - mit wenigen Ausnahmen, die es ins Ausland zieht - die tschechische Provinz und ihr Charme im Mittelpunkt des vielfältigen Interesses. Die Dominanz persönlicher Erzählungen aus der Ich-Perspektive ist ebenfalls erstaunlich. Es ist ein Abschied von der traditionellen Erzählweise, die nicht nur in Tschechien sondern auch in Deutschland zu beobachten ist.

Die "horen"-Ausgabe zur aktuellen tschechischen Literatur bietet aber auch noch eine besondere Lese- und Sehfreude. Die in dem Band vertretenen Autorinnen und Autoren stellen bildende Künstler, Werke inklusive, vor, die für sie wichtig sind. Jaroslav Rudiš brachte - um aus der informativen Galerie nur einen Einzigen zu nennen - Jaromir 99 ein, der mit bürgerlichen Namen Jaromir Švejdík heißt und mit seinen schwarzweißen Bildern maßgeblich am Entstehen des Eisenbahnercomic mitgewirkt hat.

 

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Pit Fiedler