Der Gegenpart zur Blauen Banane

Die ROTE BANANE

Ressorts: Museen und Galerien, Kultur, Hintergrund, Ausstellung

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Freitag, 05 Oktober 2012 14:12

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Als der französische Geograph Roger Brunet in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Position der französischen Metropolen im westeuropäischen Kontext untersuchte, erkannte er, daß sich das Kraftzentrum des Nachkriegseuropas zwischen den Städten London und Turin erstreckte, und zwar in Form einer gebogenen Linie, die über die Beneluxländer, den Rhein und die Westschweiz verlief. Die Blaue Banane war geboren.

Sie war transnational, hochverdichtet, geprägt von Industrialisierung und funktionalistischem Denken der Nachkriegszeit, voll von Metropolen und Agglomerationen, London, der holländischen Randstad, dem Ruhrgebiet, sowie den Regionen Basel und Turin. Zudem deckte sie sich auch mit der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, jener Länder, deren Versöhnung nach dem Krieg die Grundlage für den westeuropäischen Einigungsprozess bildete.

In unserer Schau geht es um die Rote Banane. Ihr Geburtsdatum ist der Herbst 1989, das Ende der Nachkriegszeit. Auch sie ist transnational, auch sie berührt eine Grenzregion Deutschlands, diesmal im Osten.

 

Im Unterschied zur Blauen Banane ist sie nicht verdichtet, ihre Wirtschaftskraft ist gering. Die Namen ihrer Städte – Breclav, Gmünd, Budejovice, Freiberg, Chomutov zum Beispiel - liest man eher in Geschichtsbüchern als auf aktuellen Landkarten. Ohnehin sind kaum Städte vorhanden.

Ihr Zentrum ist kein Punkt, sondern eine Linie, die des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Entlang dieser Linie ist die Rote Banane noch leerer als in ihrem restlichen Gebiet.

Zur Bevölkerung der Roten Banane gehören Atheisten, Aussteiger, Goldgräber, Handwerker, Grubenarbeiter, Katholiken, Künstler, Lausitzer, Mähren, Missionare, Niederbayern, Oberpfälzer, Österreichern, Roma, Sachsen, Sinti, Slowaken, Sorben, Tschechen, Vietnamesen und Zigeuner; Juden und Sudetendeutsche existieren nur in der Erinnerung.

Die Rote Banane spricht Deutsch oder Tschechisch. Schön wäre es, wenn man sagen könnte: „Deutsch und Tschechisch". Der Roten Banane fehlt eine einheitliche Repräsentation, was aber wohl ein normales europäisches Problem darstellt.

Die Geschichte der Roten Banane ist einzigartig. Sie ist geprägt vom geologischen Reichtum ihres Bodens sowie von ihrer jahrhundertealten Funktion als politische wie geographische Grenze. Vor allem aber ist sie geprägt von den scharfen Umbrüchen in ihrer Geschichte. Diese bewirkten, daß immer wieder Teile der Bevölkerung die Rote Banane verlassen mussten. Die Exilanten nahmen etwas von ihrer Heimat mit, was dann als Phantomregion in ihren Köpfen und denen ihrer Nachkommen weiterlebte und weiterlebt.

So ist die Rote Banane heute eine mentale Region, eine Kulturlandschaft, eine Unkulturlandschaft, eine Naturlandschaft und eine renaturierte Landschaft. Ihre Räume sind weit, fragmentiert, und voller Erinnerung.

Eigentlich ist sie Provinz, aber sie hat zu viele Facetten, um wirklich Provinz zu sein. Zu ihren Schätzen, zu ihren ganz grundsätzlichen Eigenschaften gehört, daß die Walze der Nachkriegsmoderne hier nicht durchgefahren ist (es waren andere Walzen da). Daher sind ihre Erinnerung, ihre Identität und ihr Selbstverständnis noch nicht normiert und konform gemacht.

Durch die Erweiterung der Europäischen Union nach Osten ist die Rote Banane ins Zentrum gerückt, ohne daß sie oder andere es gemerkt hätten.

Der Untertitel der Ausstellung lautet „Entwurf einer Landschaft", doch ist es vielmehr ein Vorschlag einer Veränderung der Perspektive: einer Perspektive, die nicht an der Grenze haltmacht, die gleichzeitig von außen wie von innen schauen kann; einer Perspektive, bei der der Betrachter gleichzeitig Objekt ist.

Die Ausstellung erzählt von der Roten Banane mittels Karten und Gebäuden. Doch sind diese am Ende nur Spiegel menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Entwicklungen.

Text und Bilder: rotebanane.eu Hans-Michael Földeak