Zbiroh in Westböhmen und sein Schloss

Ressorts: Städte, Reiseberichte, Tschechien, Hintergrund, Tourismus

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Montag, 26 März 2012 11:05

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Das Schloss Zbiroh liegt rund 30 Kilometer nordöstlich von Pilsen, Ausfahrt 41 „Cerhovice" auf der Autobahn D5 nach Prag. Das Schloss war im Lauf der Zeit Wohnsitz bedeutender Persönlichkeiten wie Karl IV. und Rudolf II. Der weltbekannte Jugendstil-Künstler Alfons Mucha arbeitete hier 20 Jahre.

Der Weg von Pilsen nach Prag führt über Zbiroh – und natürlich geht der umgekehrte Weg auch durch diese Kleinstadt mit knapp 2.500 Einwohnern wieder zurück. - Natürlich ist diese Wegstrecke die alte, heutzutage sparsamere Variante der böhmischen Straßennutzung, ohne „Pickerl". Das Städtchen gehört zu einer großen Reihe von Orten, die wie Perlen auf einer langen Schnur aneinandergereiht sind, die als „Goldene Straße" in die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches eingegangen ist.

 

Die „Goldene Straße", etwa von einem Überzug aus Edelmetall bedeckt - oder doch nur Kopfsteinpflaster? I wo! - Allerdings würde die Straße den Tatbestand des Goldüberzuges erfüllen, würde, den heutigen Stand des Preises für dieses Edelmetall einmal berücksichtigend, die tschechische Finanzkrise vermutlich augenblicklich zum Ende kommen und die Republik in die finanzielle Top-Liste der Golfanrainerstaaten katapultieren, denn wie stets, historisch argumentierend, würde man in Prag vermutlich Ansprüche auf jeden einzelnen Zentimeter dieser Straße auf ganzer Länge erheben! Weshalb aber eigentlich dieses?

Doch der Reihe nach. und werfen wir nun zuerst einen Blick auf die Entstehung und Geschichte dieser Landstraßenverbindung als solche selbst.

Die „Goldene Straße"

„Zunächst als Altstraße, dann von Kaiser Karl IV. von Prag über Nürnberg, Würzburg, Frankfurt nach Luxemburg konzipiert, führte sie nach Osten über Königsgrätz, Nachod nach Wroclaw / Breslau und verband so mehrere Völker miteinander. Visionär strebte man zudem schon im 14. Jahrhundert unter dem späteren Böhmenkönig Georg von Podebrady ein vereintes Europa an." Nachweisbar ist der Begriff „gulden straß" seit 1513 für verschiedene spätmittelalterliche Handelswege und der Name führt seinen Ursprung auf den Luxemburger Karl IV. zurück, denn diesem war an einer territorialen Verbindung zwischen den böhmischen Stammlanden und den Reichstädten Nürnberg und Frankfurt sehr gelegen.

Die große Bedeutung dieser Straße, die Kaiser Karl IV. zur Reichsstraße erklärte, war der Weg, auf dem die böhmischen Könige ihren Weg zu den Reichstagen und Kaiserwahlen nehmen sollten. Zahlreiche Pflegamtssitze und Burgen säumten ihren Weg, die für ihren militärischen Schutz verantwortlich waren. Sie brachte aber auch als Handelsstraße großen Wohlstand in die an ihr gelegenen Städte und Dörfer sowie in die verbundenen Regionen. Erkennbar ist dies ist noch heute an den entsprechend ausgebauten Altstädte.

Die Stadt Zbiroh

Das Städtchen Zbiroh liegt am östlichsten Rand von Westböhmen. Wer sich über die Stadtgrenze nach Osten weiterbewegt, der kommt unmittelbar nach Mittelböhmen. Aber zunächst die Formalien. In Zbiroh besteht ein städtisches Info-Zentrum und liegt also näher, als „Ortsunkundiger" zunächst einmal dasselbe aufzusuchen und sich hier die wesentlichen Kenntnisse über die Stadt zu Gehör bringen zu lassen. Der freundliche Herr, der zwar nur Tschechisch spricht, aber ansonsten außerordentlich auskunftsfreudig ist, beantwortete auch die Frage nach ansässigen Deutschen oder jüdischen Denkmälern mit der Antwort, es habe hier keine „Sudety" gegeben. Selbstverständlich musste ihm darauf sofort erst einmal erklärt werden, dass es durchaus Unterschiede zwischen „Deutschböhmen" und „Sudety" gibt, was er erstaunt zur Kenntnis nahm. Im Laufe der anregenden Unterhaltung kam man sich durchaus näher und ein wahrer Informationsfluss sprudelte aus ihm heraus. Auch, wo man es in Zhiroh gut und preiswert zu Essen gäbe und welchem „Hospoda" er persönlich den Vorzug gibt. Dieser Ratschlag hat sich dann später als enorm geschmackvoll erwiesen! – Aus den zahlreichen Hinweisen und Tipps gibt ist im Info-Zentrum von Zbiroh auch die aufschlussreiche Broschüre „Denkmäler Zbiroh", die sich ebenfalls als äußerst hilfreich erwies. – Zugegeben, viele Sehenswürdigkeiten hat Zbiroh nicht vorzuweisen, sieht man einmal von dem städtischen „Muzeum Josefa Václava Sládka" ab, aber es gibt sie trotzdem und daher lohnt es sich in jedem Fall, der Stadt seine Aufwartung zu machen und ihr einen Besuch abzustatten, was übrigens eine größere Anzahl von Besuchern macht, geradezu in wahrem Andrang. Etwas alles Goldsucher und auf den Spuren nach Resten der „Goldenen Straße"? Noch dazu jede Menge Prager! Was führt sie alle auf den Weg in das westböhmische Zbiroh?

Die Goldene Straße und das Schloss Zbiroh

Doch zunächst die Fakten: Tschechische Historiker berichten, dass die Altstraße nur für kurze Zeit über Zbiroh nach Cerhovice und weiter nach Prag geführt habe. Über der Stadt erhebt sich heute das Schloss, das an der Stelle einer gotischen Burg aus dem des 12. Jahrhundert erbaut wurde. „Das böhmische Schloss Zbiroh hat seinen Ursprung im beginnenden 13. Jahrhundert. Erstmalig erwähnt wurde es im Jahr 1230. Man geht heute davon aus, dass der Bauherr ein Mann namens Bretislav von Zbiroh war, der dem Hause Sulislav, einem böhmischen Adelsgeschlecht angehörte. Später ging das Gebäude in den Besitz der Familie von Drslavic über, die sich anschließend ebenfalls den Beinamen ‚von Zbiroh' gab. Im Verlauf des 14. Jahrhunderts wurde das Schloss, damals eher eine Burg, weiter befestigt, indem zum Beispiel Kanonen aufgestellt wurden. Mit dem Jahr 1609 gelangte Schloss Zbiroh schließlich in den königlichen Besitz von Rudolf II. über. Es wurde allerdings nicht als Residenz genutzt, sondern fungierte erst als Gefängnis und später als königliche Verwaltung." 1868 kaufte ein Unternehmer Schloss Zbiroh. Dieses war Bethel Henry Strousberg, der am 20.11.1823 in Neidenburg in Ostpreußen als Baruch Hirsch Strousberg, eingedeutscht Barthel Heinrich Strausberg, geboren wurde und am 31.5.1884 in Berlin verstarb. Er war ein deutscher Unternehmer der Gründerzeit, der sich hauptsächlich im Eisenbahnbau engagierte. Strousberg bemühte sich darum, das Schloss in seinen Ursprungszustand zurück zu versetzen. Im Rahmen dieser Baumaßnahmen verlieh der Berliner Architekt August Ort dem Schloss seinen heutigen Neo-Renaissancestil. Nachdem der Unternehmer bankrott ging, wurde es aber von seinen Gläubiger ausgeplündert. Das entleerte Schloss fiel danach an die Familie Colloredo-Mansfeld.

Alfons Mucha auf Schloss Zbiroh

Zbiroh und sein Schloss sind eng mit dem Maler des Jugendstils, Alfons Mucha, verbunden, da dieser hier fast 20 Jahre verbracht hat. Hier entstand sein großes Werk des „slawischen Epos". Mucha wuchs im südmährischen Ivancice auf und ging nach seiner Schulzeit als Neunzehnjähriger nach Wien, wo für zwei Jahre eine Schule für Bühnendekoration besuchte. Von 1885-1887 studierte er an der Akademie für Bildende Künste in München und wechselte 1887 über nach Paris, wo er sich seinen Lebensunterhalt zum großen Teil mit Buch- und Zeitungsillustrationen verdiente. „Alfons Maria Mucha wird zum Allroundtalent, erzeugt nicht nur Plakate und Bühnendekorationen, sondern entwirft auch Bucheinbände, Schmuck und Möbel, bemalt Werbekarten. In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts arbeitet er unter anderem an der Dekoration der weltberühmten Jugendstilausstattung des Fouquet-Juwelengeschäftes, gibt 1902 das "Handbuch für Künstler" sowie seine "figures decoratifs" heraus." Nach einer Reise in die USA kehrte 1910 in seine Heimat zurück. Mit Familie lebt er hier auf Schloss Zbiroh, wo das einzige von ihm in seiner Heimat geschaffene Poster "Prinzessin Hyazinthe" entstand. „Seine Innendekoration des Primatorensalons des Repräsentationshauses in Prag 1911 gilt als letztes beeindruckendes Werk des dortigen Jugendstils. Nach dem 1. Weltkrieg und der Abtrennung des neuen Staates Tschechoslowakei von Österreich-Ungarn entwarf Mucha Banknoten und Briefmarken für das neue Staatswesen. 1928 übergab er die 20 Gemälde des „Slawischen Epos" an Regierung und Stadt Prag. Im Jahre 1931 entwarf er noch die Fensterverglasung für den Veitsdom in Prag. Nach dem Einmarsch der Deutschen in die CSSR 1939 wird Mucha von der Gestapo verhaftet. Er stirbt kurz darauf noch im selben Jahr."

Schloss Zbiroh streng geheim als Spionageeinrichtung

Nach dem Kriegsende 1945 wurde Schloss Zbiroh neu genutzt, diesmal von der tschechoslowakischen Armee, die daraus den am strengsten geheim gehaltenen Ort der CSSR machte. Hier wurde das Ortungssystem „Tamara" eingerichtet, mit dessen Hilfe die Warschauer Paktstaaten die Nato-Flugzeuge beobachteten konnten. Damit folgten sie eigentlich den deutschen Okkupationstruppen nach, die während des Zweiten Weltkriegs das Schloss beschlagnahmten. Grund dafür seien, wie die heutigen Schlossverwalter sagen, in den Felsen zu suchen, auf denen das Schloss steht. Er bestünde aus Jaspiskristallen, die Radiowellen gut reflektieren. Dafür „haben SS-Leute die Adligen-Familie Colloredo-Mansfeld von ihrem Sitz vertrieben. Die Nazis richteten 1943 in Zbiroh dann eine Zentrale für das Abhören von Rundfunksendungen ein. ... Diese einzigartigen Eigenschaften des Felsens von Zbiroh nutzten später auch die Kommunisten. In der Schlossbastei haben sich tschechoslowakische Militärspione niedergelassen", aus dem Schloss wurde damals eine Geheimzone. Die Anlage verschwand Anfang der 90er Jahre. Danach verfiel das ganze Schlossareal über Jahre vor sich hin, bis es wieder in Privathände geriet. Nach einer Restaurierung wurde das Schloss 2005 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die sensationelle Ausstellung über Leonardo da Vinci und die Tempelritter auf Schloss Zbiroh 2012 zum 700jährigen Bestehen des Ordens

Und plötzlich wurde damit klar, weshalb so viele Menschen den Park und das Schloss selbst dermaßen belebten: Sie waren begierig danach, das einzigartige Selbstbildnis Leonardo da Vincis zu sehen, das zum ersten Mal in der Tschechischen Republik zu sehen ist. Das Selbstbildnis Leonardos wurde vor nicht allzu langer Zeit in Italien entdeckt wurde und ist das wichtigste Exponat und zugleich der Publikumsmagnet der Ausstellung „Die Geschichte des Templerordens", die in den Renaissance-Räumlichkeiten des Schlosses zu sehen ist. Trotz gesalzener Eintrittspreise stehen die Menschen Schlange, um sich die Ausstellung anzuschauen.

„Gemäß den Expertenanalysen und den Forschungsergebnissen der Fachleute handelt es sich bei dem Bild um ein Selbstporträt des Künstlers, etwa aus den Jahren 1505 bis 1510. Es zeigt den berühmten Renaissancemaler und Erfinder als Mann im mittleren Alter mit durchdringend blauen Augen und langem, ergrauten Kopf- und Barthaar. Im Dezember 2008 entdeckte Nicola Barbatelli, ein auf die Zeit des Mittelalters spezialisierter Historiker, das Gemälde zufällig auf der Suche nach Informationen über den Templerorden in der Sammlung einer Aristokratenfamilie im süditalienischen Städtchen Acerenza." - Damit ist die Tschechische Republik das erste Land, an welches dieses Bild aus Italien verliehen wurde. Seine Abmessungen betragen 40 x 60 cm wird in einer speziellen Vitrine aufbewahrt.

Die Ausstellung „Die Geschichte des Templerordens" auf Schloss Zbiroh zeigt daneben auch interessante Exponate aus der Zeit des 12. bis 14. Jahrhunderts, die im Zusammenhang mit der Gründung und des Wirkens des Templerordens in Italien, Europa und im Heiligen Land stehen. Die aus italienischen Sammlungen geliehenen Ausstellungsstücke wurden durch wenig bekannte Objekte aus böhmischen und mährischen Museen ergänzt, die Informationen über das Wirken der Templer auf dem Gebiet von Böhmen und Mähren geben. Die Ausstellung auf dem Schloss wird in Zusammenarbeit mit der Organisation Praga Mystica und Vertretern des italienischen Templerordens, sowie dem süditalienischen Museum „Museo delle Antiche Genti di Luciania" aus der Gegend um Basilicata, organisiert.

 

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