Ein Seminar der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen in Oberplan

Volkstraditionen im Herbst

Ressorts: Tschechien, Region, Kultur, Heimat und Brauchtum

Artikelinformationen

Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Sonntag, 10 November 2013 14:08

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Während sich die Einen langsam auf den Einzug des Winters und die beginnende Ruhephase, sprich „staade Zeit", vorbereiten, drehen die Anderen noch einmal so richtig auf und fahren - dabei die längere Anfahrtsstrecke in den Böhmerwald gerne in Kauf nehmend - nochmals ins Adalbert-Stifter-Zentrum nach Oberplan, um mehr über vergessene oder scheinbar vergessene „Volkstraditionen im Herbst" in Erfahrung bringen zu können.

Ein ganzes Wochenende lang wieder hatte Dr. Zuzana Finger, die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, ins Adalbert-Stifter-Zentrum nach Oberplan zu einem weiteren Seminar gebeten. Unterstützt dabei wurde sie auch diesmal wieder in bewährter Weise von Barbara Weingartner, die mit einer Reihe bekannter – oder unbekannter – Herbstlieder zur gesanglichen Auflockerung der großen Schar von Seminarteilnehmern beitrug, die der Einladung in den Böhmerwald gefolgt war. Nicht nur aus verschiedenen regionalen Begegnungszentren der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik kamen wieder ins ASZ nach Oberplan angereist, selbst aus Mähren und Schlesien, auch aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland waren die Teilnehmer gekommen – zur großen Freude von Horst Löffler, dem Hausherrn und Initiator des Adalbert-Stifter-Zentrums, dem eine wichtige Rolle als Begegnungs- und Lernzentrum zukommt. - Dieses Mal war eine noch größere Schar als zuvor zusammengekommen, was die wachsende Wissbegierde und die zunehmende Neugierde an diesem Thema veranschaulicht. Neben dem Vermitteln eines „Quäntchens" handwerklichen Könnens, das zu manchen der vorgestellten Volkstraditionen der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien gewissermaßen mit dazugehört, ist grundsätzlich zu erfahren, welche Traditionen von ihnen einstmals gepflegt worden sind und was mit ihrem „Verschwinden" jetzt im Landes alles in Vergessenheit zu geraten droht.

 

Im Rahmen von Dr. Zuzana Fingers Seminar wurde sehr anschaulich gezeigt und erklärt, was in den verschiedenen Regionen in der Herbstzeit alles so „praktiziert" worden ist. Viele der althergebrachten Volkstraditionen werden zwar noch von den „exilierten" Deutschen außerhalb des Entstehungslandes weiter gepflegt und auch der Versuch unternommen, diese weiterzuvermitteln, inzwischen hat man aber auch im heutigen Tschechien ihre Bedeutung erkannt und sie werden hier erforscht und teils wieder aufgenommen. – Als gutes Beispiel sei hier an die Wiederaufnahme des „Weihnachtsmarktes" und anderer Traditionen der „Böhmerwaldler" durch das Adalbert-Stifter-Haus in Oberplan erinnert, die während vorausgegangener Seminare vorgestellt worden sind. - Zuzana Finger hatte daher zu diesem Seminar über „Herbsttraditionen" drei Referenten aus verschiedenen Regionen Tschechiens eingeladen, die ebenfalls zu denjenigen im Lande zählen, die sich gegen Verdrängen, Vergessen oder Verschweigen aktiv engagieren. Auch diese haben erkannt, dass die Volkstraditionen der Sudetendeutschen ein Teil der Volkskultur des Landes sind, die auch im Lande selbst nicht vergessen werden sollten.

Der Samstag war der „Handarbeit" in Form von Gruppenarbeiten gewidmet. Da war zunächst der tschechische „Grulichexperte", Ing. Josef Komarek aus Königgrätz, der sich mit dem Sammeln und der Restauration von geschnitzten Krippenfiguren und Krippendarstellungen beschäftigt, wie sie einstmals in kleinindustrieller Hausarbeit im Raum Grulich und dem Adlergebirge in großer Zahl hergestellt und überallhin vertrieben wurden. Um sich selbst die charakteristische Schnitzweise der „Mannlmacher" anzueignen, bedurfte es seitens Josef Komareks jahrelanger Schnitzversuche und vieler Übung, um diesen Figurentyp so gut es ging nachzuahmen, bis er eine möglichst genaue Annäherung an die originalen Figuren erreichen konnte. Dabei lernte er noch viele Fertigkeiten, die er sich noch bei dem letzten Holzschnitzer, dem aus Dolni Hedec / Nieder Heidisch, Josef Schwarzer jun., aneignen konnte, mit dem er bis zu dessen Tod freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Was lag also in Oberplan näher, als einigen sich dafür interessierende Seminarteilnehmern selbst Schnitzmesser in die Hände zu drücken und diese zum Schnitzen anzuleiten. – Diese Aktion führte zu manchem „Krippenmannl" und lief ohne unnötige Blutverluste ab. – Josef Komarek gilt heute als der Krippenexperte auf dem Gebiet der Krippen aus Grulich und dem Adlergebirge und antwortete auf die Frage, nach seinen Beweggrund für seine Engagement: „Ganz einfach, weil es die vergessenen deutsch-tschechischen Grulichschnitzer wirklich verdienen!" - Weitere Gruppenarbeiten widmeten sich der Herstellung von Baumschmuck. Dazu hatte Zuzana Finger die versierte Kennerin Gabriele Heisinger aus Bayerisch-Schwaben eingeladen, die ihre ausgiebigen Kenntnisse zum „Böhmerwäldler Volkshandwerk" gerne zeigte und aktiv vermittelte. Gabriele Heisinger demonstrierte, welche Handarbeit bei der Herstellung des oft filigranen Baumschmucks notwendig ist, der häufig auch in den Stuben des „Woids" in den langen Herbstabenden hergestellt wurde, der seine nicht alleine seinen Weg an den häuslichen Weihnachtsbaum fand, sondern auch andern Ortes gerne zum Ausschmücken benutzt wurde.

Das Angebot Dr. Fingers zur aktiven „Schnupperteilnahme" beim Erlernen und Vermitteln einiger grundlegender manueller Fähigkeiten aus dem Adlergebirge und dem Böhmerwald stieß auf großes allgemeines Interesse und verwandelte damit das Adalbert-Stifter-Zentrum kurzzeitig in eine kollektive Anlernstätte zur Herstellung traditionellen, regionalen sudetendeutschen Weihnachtsschmucks. – Nachdem es für die vorgestellten Herstellungsweisen keine geeigneten Apps gibt, war es selbstverständlich wichtig, dem jeweiligen „Demonstrator" genau auf die Finger zu schauen und dabei selbst auf die eigenen Finger zu achten. Jedenfalls kam es bei dieser Aktion unter den Seminarteilnehmern zu keinen erwähnenswerten Blutverlusten durch Schnitte oder Stiche beim Arbeiten mit dem Arbeitsgerät.

Die tägliche „Seminararbeit" wurde durch einen Vortrag der Direktorin des Freiwaldauer Kreisarchivs, Mgr. Bohumilla Tinozová, abgerundet, die „Herbstbräuche der Deutschen in Freiwaldau / Jesenicko" vorstellte, die sie mit ihren Aktivitäten in der Region selbst vor der Vergessenheit bewahrt. Die Referentin beschäftigt sich auch mit den „Geheimnissen der schlesischen Küche", erschienen als Buch im Verlag „Mährisch-Schlesischer Sudetengebirgsverein", wobei sie auf die gelegentlichen Schwierigkeiten mit polnischen Einrichtungen bei der Quellenbeschaffung im außermährischen Schlesien zu sprechen kam, da die Letzteren sich nicht immer kooperativ zeigten. - Frau Tinzová wies bei ihrem interessanten Vortrag auch auf die gute Zusammenarbeit mit den ehemaligen Bewohnern der Region Freiwaldau in der „Fremde" hin, wo viele der alten Traditionen und Gebräuche fern von der „Entstehungsscholle" auch weiterhin gepflegt werden. - Den obligatorischen Böhmerwälderabend nach dem Abendessen gestalteten auch heuer wieder das eingeführte Duo Horst Löffler und Leonhard Ascher mit ihrem unterhaltsamen Beitrag über „Herbstbräuche in der Literatur und Musik".

Den Sonntagmorgen eröffneten wiederum die Lieder mit Barbara Weingartner, welche die Seminaristen zur aktiven gesanglichen Mitarbeit animierte und dabei gleichzeitig dabei half, Durchblutungsstörungen, die durch das Sitzen und intensive Zuhören auftreten könnten, abzubauen. Ihr folgte Karl W. Schubsky mit seinem Beitrag zu „Wiederbelebten jüdischen Herbstbräuchen in Böhmen, in dem der Referent die jüdischen Fest- und Feiertage vorstellte, die in diese Jahreszeit fallen und die auch von der „Jüdischen Nationalität" in Böhmen, Mähren und Schlesien auch wieder begangen werden, wo es eben wieder Juden im Lande gibt. Dabei zeigte er auch von ihm zusammengetragene Fotodokumente alter „Judentempel" im ganzen Lande, an die heutzutage nur noch alte Bilder erinnern.

„Der Berghäuerzug in Iglau – wiederbelebt und lebendig", so lautete das Thema, über das Ing. Milan Kolař berichtete und bildnerisch darstellte. Mit seinem Beitrag erinnerte der Referent an die „stolze Vergangenheit Iglaus als Silberstadt" und seine Bemühungen, diese nicht nur zu erhalten, sondern im Entstehungsort selbst wieder aufleben zu lassen und fortzusetzen. „Schon anlässlich der Tausendjahrfeier 1799 gingen Knaben in historischen Berghäuergewändern im Festzug mit. Der Iglauer Bürger Johannes Haupt beschloss vor gut hundert Jahren, einen ‚Berghäuerzug' ins Leben zu rufen, der zu einer besonderen Iglauer Tradition werden sollte. Mit viel Zeit, Geld und Forschungsarbeit konnte er seinen Plan verwirklichen, und so marschierten ab dem Jahr 1890, immer am 23. und 24. Juni, über hundert Buben in Trachten der Bergleute aus dem 16. Jahrhundert vom Rathaus zum Johanneskirchlein, der ältesten Kirche Iglaus." Dafür wurde in Jihlava von Milan Kolař der „Berghäuerverein" organisiert, der nun alle zwei Jahre „ausrückt" und zwar einmal in Heidenheim/Brenz, der Patenstadt der Iglauer im Rahmen der „Iglauer Heimattage" sowie am historischen in Iglau selbst im Rahme des Iglauer Stadtfestes im Juni. „Mit dem Krieg, der Vertreibung der Deutschen und dem Untergang der Sprachinsel ging auch der Berghäuerzug nach einigen Versuchen der tschechischen Iglauer, ihn am Leben zu erhalten, verloren." In Deutschland wird er seit 1957 von den vertriebenen Iglauern in Heidenheim wieder fortgesetzt, in Iglau selbst seit 1999, nachdem hier einer tatkräftigen Gruppe der Versuch gelungen war, den originalen alten Berghäuerzug wieder „aufzufinden", neu herzurichten und in Zusammenarbeit mit den ehemaligen Iglauern nach alter Tradition wiederzubeleben.

Resümee: Es darf an dieser Stelle wohl mit Fug und Recht behauptet werden, dass auch diesmal das volkskundliche Seminar der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen in Oberplan nicht nur eine sehr informative Veranstaltung gewesen war. Von Programm her nicht nur lehrreich, sondern durch das aktive Miteinbeziehen aller Teilnehmer auch abwechslungsreich. Weiterhin hat es deutlich gezeigt, dass mit der Beschäftigung und Erforschung deutscher Traditionen und Bräuche in der Tschechischen Republik selbst erkannt worden ist, wie sehr die Deutschen hier mit ihrer Heimat verwurzelt waren und sind.

 

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