Erich Kästner und Edmund Link lassen mit „Leben in dieser Zeit“ Grenzen nebensächlich werden

Vergangenheit und Gegenwart eng beieinander

Ressorts: Literatur, Kultur, Wissenschaft und kulturelle Bildung

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Michael Alt

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Mittwoch, 02 Mai 2012 01:24

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Nicht zuletzt ein „deutsch-böhmischer Brückenschlag", so hatte es Andreas Wehrmeyer, seit 2007 Leiter des Sudetendeutschen Musikinstituts in Re¬gensburg, formuliert, sollte das Literarische Cafe sein. Die Veran¬stalter Stadt Bad Kötzting, Sudetendeutsches Musikinstitut, Sudetendeutsche Landsmannschaft Bad Kötzting, Katholische Erwachsenenbildung im Landkreis Cham e. V und Ackermann Gemeinde Regensburg hätten es sich zur Aufgabe gemacht, die wechselseitigen Beziehungen als „Teil der Zeit" herauszustellen.

 

Mit Erich Kästner und Edmund Nick standen so diesmal zwei Männer im Mittelpunkt, die in jahrzehntelangem gemeinsamen Schaffen „ihre Zeit" aufarbeiteten und mit „Leben in dieser Zeit" einen Spiegel schufen, der Vergangenes und oftmals auch Gegen¬wärtiges gleichermaßen vor Augen führt. Mit Andreas Wehrmeyer, Iris Marie Kotzian und Christoph Weber standen dann zudem Interpreten auf der Bühne in der Gymna¬sium-Aula, die das „Zeit-Bild" von Kästner und Nick in beeindruckender Weise umsetzten.

Ein großes Kompliment gilt dabei – ohne die „Überzeugungskraft" der beiden männlichen Akteure schmälern zu wollen - Iris Marie Kotzian. Was sie betrifft, ist dem Resümee von Elke Pecher, Vorsitzende der örtlichen SL-Gruppe, eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen. "Die Besucher waren durchwegs begeistert von Temperament, Vielfalt, Kreativität und Können der Sopranistin. Sie konnte Klangfarbe, Gestik, Mimik so überzeugend mit dem Inhalt der Chansons verknüpfen, dass man kaum den Blick von ihr wenden konnte. Die szenische Umsetzung, die sie zusammen mit Christoph Weber erarbeitet hatte, war voller netter Überraschungen. Und dann die kleinen Gesten wie die Poesie mit der Schneekugel beim Lied über Wien..." Aber auch als Bardame, die mit dem „flüssigen Inhalt" ihres weißen Kleides überraschte und das Publikum mit einbe¬zog, machte sie die „Grenzen von Zeit und Bühnenraum" vergessen.

Aber zurück zu denen, welchen nicht nur das begeisterte Bad Kötzinger Publikum „Leben in dieser Zeit" zu verdanken hat. Dass er nicht nur der Autor von „Klassiker wie "Emil und die Detektive" (1929), "Pünktchen und Anton" (1931) oder "Das flie¬gende Klassenzimmer" ist, wird bei einem Blick in die Biografie von Erich Kästner schnell klar. Schon bald widmete sich der am 23. Februar 1899 in Dresden Geborene neben ersten Gedicht¬bänden: "Herz auf Taille" (1928), "Lärm im Spiegel" (1929) zeit¬kritischen, politisch-satirischen Gedichten und Texten für das Kabarett.

Kästner, der unter anderem als Theaterkritiker und freier Mitarbeiter wie etwa der pa¬zifistischen "Weltbühne", die von Carl von Ossietzky herausgegeben wird, arbeitet, bleibt vor den entsprechenden Konsequenzen der Obrigkeit nicht verschont. So kommt es 1933 zu Verbot und Verbrennung verschiedener Arbeiten durch die Natio¬nal¬sozialisten. Betroffen sind die Gedichtbände "Herz auf Taille", "Ein Mann gibt Auskunft", "Gesang zwischen den Stühlen", aber auch der satirischer Roman "Fabi¬an" – allesamt Dokumente von Kästners Kampf gegen spießbürgerliche Moral, Mili¬tarismus und Faschismus. Er wird auch mehrmals von der Gestapo verhaftet,

jedoch immer wieder freigelassen. Ein totales Schreibverbot durch die Nationalso¬ziali¬sten kann ihn nicht zur Emigration bewegen, jedoch können die Romane "Drei Männer im Schnee" und "Georg und die Zwischenfälle" nur im Ausland veröffentlicht werden. Mit einer Ausnahmegenehmigung schrieb er allerdings 1942 unter dem Pseudonym „Berthold Bürger" das Drehbuch zu „Münchhausen", dem Jubiläumsfilm der Ufa. Auch später veröffentlicht er noch unter Pseudonymen wie „Melchior Kurtz", „Peter Flint" oder „Robert Neuner".

Nach dem Zweiten Weltkrieges leitete Kästner in München das Feuilleton der Neuen Zeitung und gab die Kinder- und Jugendzeitschrift „Pinguin" herausgab. Gleichzeitig widmete sich nebenher verstärkt dem literarischen Kabarett und arbeitete für "Die Schaubude" und „Die Kleine Freiheit" sowie das Radio. Es entstanden zahlreiche Texte, die sich mit Nationalsozialismus, Krieg und zerstörtem Deutschland auseinan¬dersetzten, so auch das in Kötzting zu hörende „Marschlied" von 1945.

Neben einer Reihe weiterer Preise und Auszeichnungen erhielt Erich Kästner 1961 das Große Bundesverdienstkreuz. Am 29. Juli 1974 starb er in München und wurde auf dem Bogenhausener Friedhof beigesetzt. Dies ist auch das Todesjahr seines langjährigen „künstlerischen Pendants" Edmund Nick.

Als Komponist, Dirigent und Musikschriftsteller ging der am 22. September 1891 in Reichenberg/Böhmen als Kaufmannssohn geborene Edmund Nick einen langen ge¬meinsamen „kabaret¬tistischen Weg" mit Erich Kästner. Lieder, Chansons, Bühnen- und Filmmusiken, Operetten entstammen seiner Feder ebenso wie Musikkritiken, die er etwa für „Neue Zeitung", „Die Welt" und „Süddeutsche Zeitung" verfasste. Freund¬schaft und Zusammenarbeit mit Erich Kästner begannen im Herbst 1929 in Breslau. Nick, damals musikalischer Leiter beim Schlesischen Rundfunk in Breslau bekam vom Intendanten ein Hörspielmanuskript von Kästner zum Vertonen. Es entstand „Leben in dieser Zeit", das an fast allen größeren deutschen Bühnen aufgeführt wurde. 1933 verboten die Nationalsozialisten die Aufführungen, Kästner und Nick erhielten Berufs¬verbot. Unter falschem Namen traten sie noch einige Zeit an die Öffentlichkeit, bis am 10. Mai 1935 die „Katakombe" von der Geheimen Staatspolizei geschlossen wurde.

1945 kamen Nick und Kästner in München wieder zusammen. Sie riefen „Die Schau¬bude" ins Leben, für welche alte Chansons neu aufgelegt, aber auch neue geschaf¬fen wurden. Kenner gehen von über 60 Texten aus, die Edmund Nick von Erich Kästner vertont hat. 1969 endete die Zusammenarbeit mit der Vertonung des 1955 entstandenen Gedichtzyklus „Die 13 Monate". Nick, der am 11. April 1974 in Gerets¬ried starb, fand auf dem Münchner Westfriedhof seine letzte Ruhestätte.

Noch einmal zurück zu einem Samstag, an dem Rückschau und Prophetie nahe beieinander lagen. Zu ihm trugen neben den beiden „ausführlich Gewürdigten" auch noch Erich Hallhuber (Musik „Die Tretmühle"), Kurt Tucholsky (Text „Die Barfrau"), Aldo von Pinelili (Text „Original von der Wasserkante"), und Helena von Fortenbach (Text „In Marokko") bei. Auch sie waren bei Andreas Wehrmeyer, Iris Marie Kotzian und Christoph Weber in besten Händen, beziehungsweise Stimme und rundeten einen Abend ab, der Unterhaltsames und Nachdenkliches in beeindruckender Weise verband. Und bei dem grenzenlosen Übergang zwischen Gestern und Heute bekommt das Schlusslied einen durchaus tiefen Sinn: „Ihr seid nur ein Stäubchen am Gewand der Zeit."

 

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