Tschechien altert, doch der Arbeitsmarkt ist nicht vorbereitet

Ressorts: Unternehmen und Märkte, Tschechien, Region

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Mittwoch, 14 März 2012 13:29

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Die Tschechische Republik hat wie die meisten anderen europäischen Länder das Problem zu überaltern. Schon jetzt ist das Rentensystem unterfinanziert. Damit dies keine dramatischen Ausmaße annimmt, müssten mehr Menschen über 50 Jahre in den Arbeitsmarkt eingebunden werden. Darauf weisen Wissenschaftler von der Brünner Masaryk-Universität in einer neuen Studie hin. Doch der tschechische Arbeitsmarkt ist bisher darauf noch nicht vorbereitet.

 

Wenn die Bevölkerung in Tschechien sich so weiterentwickelt wie heute, dann werden in Zukunft Menschen zwischen 50 und 64 Jahren die stärkste Altersgruppe stellen. Das Problem aber: die niedrige Beschäftigungsquote in dieser Altersgruppe. Bildungswissenschaftler Petr Novotný von der Brünner Masaryk-Universität ist Mitautor einer Studie zur Beschäftigung älterer tschechischer Arbeitnehmer:

„Auf den ersten Blick sind die Zahlen nicht so alarmierend. Mehr als die Hälfte der Menschen in der Altersgruppe haben weiter Arbeit. Bei genauerer Betrachtung aber fällt auf, dass es im Alter um 50 Jahre zwar normal ist zu arbeiten, der Bruch aber bei etwa 60 Jahren kommt. Da verlassenen zwei Drittel der Menschen bereits den Arbeitsmarkt."

Dies geschehe unabhängig vom Renteneinstiegsalter, ergänzt Novotný. Die Gründe dafür sind vielfältig: das Gefühl, bereits genügend geleistet zu haben oder nicht mehr ausreichend belastbar zu sein, aber auch konkret Krankheiten oder Abnutzungserscheinungen. Denjenigen wiederum, die weiter tätig sein wollen, geht es wie Marie Filová aus dem südmährischen Brünn:

„Ich schicke meine Bewerbungsunterlagen an sehr viele Firmen, aber mal erhält man eine Antwort, mal nicht, oder die Stelle ist bereits vergeben. Ich gehe davon aus, dass das an meinem Alter liegt."

Die Befürchtungen der 55-jährigen Frau bestätigt auch der zuständige Referatsleiter beim Brünner Arbeitsamt, Jiří Fukan:

„Wenn wir die Empfehlungen zurückerhalten, steht dort natürlich nicht geschrieben: Den nehmen wir nicht, weil er 55 Jahre alt ist. Aber viele Interessenten schildern uns ihre Eindrücke von den Bewerbungsgesprächen. Meistens sagen sie, sie glauben wegen ihres Alters nicht angenommen worden zu sein."

Auch in anderen Gesellschaften Europas besteht dieses Problem. Die anerkannte Soziologin Jiřina Šiklová sieht aber auch eine spezielle tschechische Dimension, und zwar wegen der politischen Wende von 1989:

„In den Führungspositionen haben sich seitdem junge Leute abgewechselt. Denn die älteren oder älter werdenden galten als belastet durch die kommunistischen Strukturen. Fast jeder war durch das damalige Regime kompromittiert."

Mit dieser Einstellung droht der tschechischen Gesellschaft, dass irgendwann in der Zukunft ein Beschäftigter solidargemeinschaftlich für zwei Menschen sorgen muss: einen Rentner und einen arbeitslosen älteren Arbeitnehmer. Eine Lösung sehen die Experten von der Brünner Masaryk-Universität nur in einem langen Prozess. So müsse sich die Einstellung zu älteren Arbeitnehmern ändern.

„Hier in Tschechien besteht das Problem, dass wir uns bisher nicht mit dem Phänomen beschäftigen und ihm keine Bedeutung beimessen. Die Arbeitnehmer stellen sich nicht darauf ein, dass sie lange im Leben werden arbeiten müssen. Und die Arbeitgeber verhalten sich auch nicht so, sie belasten die Menschen maximal und denken nicht darüber nach, dass deren Arbeitskraft und Arbeitsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten werden muss", so Petr Novotný.

In ihrer Studie verweisen die Wissenschaftler daher auf Finnland, wo man sich bereits seit 30 Jahren mit dem demographischen Wandel und der Beschäftigung im Alter auseinandersetzt.

von Till Janzer

 

Quelle(n)

Radio Praha

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