Symposium über die „Wechselfraisch”

Ressorts: Region, Kultur, Heimat und Brauchtum, Wissenschaft und kulturelle Bildung

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Mittwoch, 04 Juli 2012 13:36

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Rechtzeitig zum 150. Jahrestag des „Wiener Vertrags" vom 24. Juni 1862 kam eine Initiative des Bayerischen Grenzmuseums Schirnding zum Tragen, an dieses historische Ereignis im Rahmen einer eigenen Ausstellung und eines organisierten deutsch-tschechischen Symposiums zu erinnern. Ziel des Projekts sollte sein, das Leben in der „Wechselfraisch" darzustellen und die Verbindungen zwischen den Deutschen und Tschechen im Fraischgebiet aufzuzeigen. Zudem sollten die Gemeinsamkeiten und die Zusammengehörigkeit dieser Region herausgearbeitet werden. Leider bestand aber kein größerer Redebedarf zwischen Deutschen und den heute tschechischen Nachbarn darüber, weil es zum behandelten Thema zwischen beiden Ländern offensichtlich keinen Redebedarf oder Interessenskonflikte zu geben scheint. Korrekt betrachtet tauchen im „Fraisch-Bezirk", als er noch bestanden hat, auch „kaum" Tschechen auf, denn sprachlich und kulturell zählte das ganze Gebiet zum Egerland.

 

Zu einem mit hochkarätigen Referenten besetzten Symposium hatte das Bayerische Grenzmuseum Schirnding unter tatkräftiger Mitwirkung der Marktgemeinde Neualbenreuth am 15./16, Juni in den historischen Sengerhof eingeladen, das die Geschichte des „Wiener Vertrags" vom 24. Juni 1862, dessen Vorgeschichte sowie die Auswirkungen für das Gebiet an der bayerisch-tschechischen Grenze zum Thema hatte. Das deutsch-tschechische Symposium trug den Titel „Die Fraisch – eine wechselvolle Region – 150 Jahre bayerisch-böhmische Grenze 1862-2012". So war es nicht überraschend, dass Rainer Schweigert vom Bayerischen Grenzmuseum Schirnding, der Organisator der Veranstaltung und Albert Köstler, Bürgermeister von Neualbenreuth und auch einer der Referenten, ein „volles Haus" zu begrüßen hatten, denn die Fraisch sei historisch ein fast einmaliges Gebiet gewesen, wie sich Schweigert in seiner Begrüßung über das Projekt äußerte.

Die Teilnehmer stammten nicht nur aus der näheren Umgebung oder unmittelbaren Nachbarschaft, sie kamen teils von weiter her nach Neualbenreuth angereist, um sich über das Kondominium „Fraisch" informieren zu lassen. Auch aus dem benachbarten Westböhmen waren Gäste anwesend, darunter Repräsentanten vom Stadt- und Bezirksarchiv Eger. Jana Kolouchová, Archivarin des staatlichen Bezirksarchivs Eger, sprach stellvertretend für Archivdirektor Halá. Sie bezeichnete die Fraisch als einen wichtigen Aspekt ihrer Arbeit und lobte dabei auch die institutionelle Zusammenarbeit. - Für die Egerländer nahm offiziell Bundesvüarstäiha Alfred Baumgartner am Symposium teil. S

Vorträge und kulturelle Beiträge

am Eröffnungsabend

Das Thema des Symposiums machte zunächst einmal historische Einführungen über die Entwicklungen der Zustände in der Gegend notwendig, in der sich die Fraisch entwickelt hat. Der gesamte Raum zählte bis zum Wiener Vertrag insgesamt eigentlich zum einstigen historischen Egerland. Daher ging es beim Eröffnungsabend zunächst vor allem um die Geschichte der beiden territorialen Rivalen, der ehemaligen Reichsstände Stadt Eger und Stift Waldsassen. Nach einer kurzen Einführung durch den Moderator des Symposiums, Karl W. Schubsky, der auf den enormen Bestand von Archivalien hinwies, über die das Archiv Eger verfügt, bestehen für die Frühgeschichte Egers sowie die Besiedlungsgeschichte aber auch viele „weiße Flecken", die man mit lokalen archäologischen Grabungen aufzufüllen versucht.

Mit dieser Aufgabe war lange Jahre Dr. Pavel Šebesta aus Eger beauftragt, der von 1972 bis 2009 Archäologe und Historiker beim Egerer Museum war. -Šebestas bevorzugte Themen sind die Siedlungsgeschichte des Egerlandes, die Stadtentwicklung von Eger und die Bauentwicklung der Egerer Burg. Der Referent gab nicht nur einen Einblick in seine langjährigen Grabungstätigkeiten in Eger selbst, sondern auch einen Überblick in die Besiedlungsgeschichte des Egerlandes, die schließlich zu der Situation territorialer Überschneidungen mit dem Kloster Waldsassen geführt hat. Seine Ausführungen untermauerte Pavel Šebesta auch mit einer umfangreichen Bilddokumentation eigener Forschungen und Grabungen aus vielen Jahren.

Dem tschechischen Historiker folgte für die stiftische Seite, also Waldsassen, Adalbert Busl, ein bekannter regionaler Heimatforscher, der auch für seine Forschungen über die Geschichte des Klosters Waldsassen weites Ansehen genießt. Beruflich ist Adalbert Busl Grundschulrektor. Sein Vortrag ging über die Geschichte des Stifts Waldsassen und ebenso die Zeit der Besiedlung des Gebiets. Auch er wusste seine Bilddokumentation mit zahlreichen interessanten Fakten zu untermauern und er beantwortete manche offenen Fragen betreffend des Verhältnisses der beiden miteinander konkurrierenden Reichsstände im heutigen Grenzgebiet.

Als musikalische Dokumentation der kulturellen Zugehörig der Bewohner der Fraisch spielte das „Neualbenreuther Zwio" Monika Kunz und Franz Danhauser. Die Entstehung ihrer Darbietungen erläuterten die Musiker ebenfalls und bewiesen damit die kulturelle Verbundenheit über die Grenze der Vergangenheit. Aber auch am zweiten Tag kam die Kultur der Egerländer nicht zu kurz. Gregor Köstler und Friedrich Söllner, der Eigentümer des ehemals stiftischen Schloss Hardeck, führten klanglich mit der Egerer Bockpfeife und auf der Geige ins Egerland.

Doch kamen gemeinsame Wurzeln in der „Fraisch" aber nicht nur in Mundart oder Musik zum Ausdruck. Auch im besonderen Baustil ist diese Verbundenheit erkennbar. Dr. Klaus Arbter, auch einmal als „Robin Hood für die Natur" bezeichnet, geboren 1937 in Römerstadt, Nordmähren, führte mit seiner Diaschau durch das Stiftland und Fraischgebiet und zeigte dabei die vorhandenen Baustile. Anhand der gezeigten Beispiele aus dem Großraum Neualbenreuth war dabei viel „Egerländer Fachwerk" zu sehen.

Ein langer Tag

Der Samstag wurde ein „langer Tag". - Im Volksmund nannte man früher so den jüdischen Versöhnungstag, an dem die Gläubigen den ganzen Tag über, von morgens bis abends, betend und fastend im Tempel waren. An diesem Tag ging es knallhart zur Sache, als „Lokalmatador" Meinhard Köstler in seinem ersten von zwei Vorträgen über die Ursachen der Fraisregelung und den Inhalt des Egerer Rezesses von 1591 berichtete. „Alles fing mit einem Mord an". Meinhard Köstler, geboren im Nachbardorf Ernestgrün, Ortsteil des einst egerischen Rittergutes Ottengrün, ist seit 40 Jahren wohnhaft und verheiratet in Neualbenreuth. Nach dem Lehrerstudium war der gelernte Geograf 40 Jahre im Schuldienst. Köstler hat sich der Erforschung, Darstellung und Vermittlung der Heimatgeschichte einschließlich des hier gesprochenen Dialekts verschrieben. Seiner kenntnisreichen und aktiven Mitarbeit ist auch das Zustandekommen der Ausstellung des Grenzmuseums mit zu verdanken, was an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollte. Vieles hatte Köstler an Fakten und die Fraisch betreffenden „Histörchen" an diesem Morgen zu berichten und stellte dabei die Ergebnisse seiner langjährigen Recherchen und Quellenarbeit über Raum und Menschen vor. So machte er Begriffe wie „Rezess", „Wechselfraisch" seinen zahlreichen Zuhörern gängig und schuf ein Bild dieser speziellen regionalen Geschichte, teils kompliziert und offensichtlich auch verworren, eigentlich ein Thema für ausführliche Beschäftigung. Köstler vervollständigte dann im nachmittäglichen Vortrag sein geschaffenes Gesamtbild von der „Fraisch", indem er über das Zustandekommen des Wiener Vertrags von 1862 sprach sowie dessen Inhalt und die daraus entstandenen Konsequenzen für Land und Leute erläuterte.

Die „Fraisch" – wo es nur so „Köstlert"

Jeder, der in der Fraisch etwas zu sagen hat, scheint den Familiennamen „Köstler" zu tragen, zumindest die politisch und kulturell Aktiven von ihnen. Auch der Bürgermeister von Neualbenreuth ist einer von ihnen, nämlich Albert Köstler. Er war dankbar für die Anregungen und die Durchführung des Fördervereins „Bayerisches Grenzmuseum Schirnding". „Wir werden immer wieder mit neuen Erkenntnissen konfrontiert", sagte er. Neualbenreuth gehöre zwar seit nunmehr 150 Jahren zu Bayern, er verwies aber gleichzeitig darauf, dass früher unbestritten die Stadt Eger das Zentrum der Region war. Neualbenreuth hätte sich in den letzten Jahrzehnten „bayerisch-erfolgreich" entwickelt, aber die Wurzeln der Fraisch seien noch immer sichtbar und hörbar. Als Beispiele nannte er die Sprache, die Neualbenreuther Kirche St. Laurentius, aber auch den „Egerer Stadtwald", der in der Geschichte der Fraisch seinen Ursprung habe. Köstler sagte: „Im Gebiet der Gemeinden Ottengrün und Neualbenreuth liegt der etwa 634 Hektar große ‚Egerer Stadtwald'. Der Wald war seit undenkbarer Zeit Teil des Territoriums der seit 1146 an das Reich gefallenen späteren Reichsstadt Eger, die 1322 an Böhmen fiel. Im Jahre 1591 wurde durch Vertrag zwischen der Stadt Eger und dem Stift Waldsassen ein Kondominium über den im Grenzgebiet liegenden Wald begründet, welches bis 1846 dauerte, als er im Austausch gegen andere Gebiete der ausschließlichen Staatshoheit von Bayern unterstellt wurde. Der Gebietsaustausch wurde durch einen am 30. Juli 1862 ratifizierten Staatsvertrag zwischen Bayern und Österreich bestätigt. Seit dieser Zeit liegt der Wald auf bayerischem Staatsgebiet." Der Streit um den Wald ist mit dem heute ins Grundbuch eingetragenen Eigentümer, nämlich die Stadt Cheb, noch immer nicht beendet.

Zwei der Referenten kamen von weiter her in die „Fraisch" angereist. Auch Walter Lengert und Reinhold Balk setzen sich seit langen Jahren mit dem Thema „Grenze" auseinander. Walter Lengert, seit Ende 2008 bei Bundesfinanzdirektion Südost in Nürnberg tätig, sprach in seinem Vortrag „Bedeutung der Grenze" über das „Phänomen Grenze". Er erklärte zunächst die Herkunft des Begriffes, der Etymologisch abgeleitet vom altpolnischen „granica" = „Rand eines Raumes" abgeleitet wird. Lengert sagte: „Eine ‚Grenze' wie wir sie wohl zunächst am stärksten wahrnehmen, grenzt ein Staatsgebiet ab. Zu einem Staat gehören nach der 3-Elemente-Lehre Georg Jellineks ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und eine Staatsgewalt...

Also: Mit Grenzen haben wir in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens zu tun. Lassen wir uns daher nicht auf den zunächst doch leicht unangenehmen Beigeschmack ein, der dem Begriff ‚Grenze' auf den ersten Blick anzuhaften scheint." Seinen Vortrag schloss Walter Lengert mit einem Zitat des württembergischen Schriftstellers Karl Julius Weber: „Wir hatten ein wildes Europa, ein barbarisches Europa, ein heidnisches und ein christliches. Wir werden auch noch ein vernünftiges Europa bekommen."

Reinhold Balk stammt aus Amberg in der Oberpfalz. Beruflich ist Balk Erster Polizeihauptkommissar; Diplom-Verwaltungswirt (FH) und Stellvertretender Leiter der Bundespolizeiinspektion Nürnberg. Sein Vortrag hatte die Überschrift „Die Zeit nach 1862", in dem er einen Bogen über 150 Jahre deutsch-tschechischer Grenze schlug. Dabei ging er auf die Auswirkungen der Staatsgründung der CSSR ein, auf die Zeit, als Bayern und Böhmen zum Dritten Reich gehörten, den Eisernen Vorhang und die Zeit vom Prager Frühling bis zur Samtenen Revolution. Mit dem Beitritt der Tschechischen Republik zur EU, dem Wegfall der Grenz- und Zollkontrollen durch den Beitritt zum Schengenverbund kam er schließlich in der Jetzt-Zeit an. Seine fundierte und faktisch untermauerte Präsentation beendet Balk mit folgender Perspektive: „Beide Nachbarn sind in der Mitte Europas angekommen. Die gegenseitigen Beziehungen und die Verhältnisse an der Grenze haben sich heute nicht nur normalisiert, sondern sich zu einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis entwickelt. Hier schließt sich der Kreis zum Jahr 1862 nach einem Zeitraum von 150 teilweise sehr turbulenten Jahren. Mögen uns diese Turbulenzen in den nächsten 150 Jahren erspart bleiben!"

Ein Resümee

Aus Sicht der Veranstalter sowie der (deutschen) Teilnehmer kann das Symposium in Neualbenreuth als ein durchschlagender Erfolg gewertet werden, denn das Interesse war groß und es wurde gut angenommen. Die investierten Mühen und Sorgfalt trugen somit Früchte. Es war grenzübergreifend organisiert und für die bilinguale Verständigung hatte das Bayerische Grenzmuseum Schirnding auch Sorge getragen, selbst die dazugehörende Ausstellung ist in Deutsch und Tschechisch ausgeführt. Obwohl vom Thema her das Ganze mit tschechischer Geschichte nichts zu tun hatte und hat, sollten alle anwesende „Nicht-Egerländer" aber den Referenten inhaltlich folgen können. Im Vorfeld wurden deutsch-tschechische Flyer und Plakate auf beiden Seiten der Grenze verteilt und auch die tschechischen Medien über die Veranstaltungen in Kenntnis gesetzt. Soweit der Hintergrund und eigentlich wären die Voraussetzungen gegeben gewesen, die interessierte tschechische Öffentlichkeit im Grenzgebiet in das Symposium einzubeziehen, die das Angebot allerdings nicht angenommen hat. Zugegeben, thematisch war das Thema wirklich sehr regional und historisch betrachtet ein eher „einheimisches", ein egerländerisches Thema, wenngleich ein Teil der behandelten „Landmasse" seit 1862 zur heutigen Tschechischen Republik gehört, wo aber durch den vollzogenen „Bevölkerungsaustausch" - oder „Kolonisation" – die einstigen Beteiligten bzw. von der Grenzziehung Betroffenen heutzutage dort nicht mehr anzutreffen sind. - Zudem wurden nach 1946 tschechische Orte wie Boden oder Schönlind „versenkt", Altalbenreuth und Gosel substantiell stark „reduziert".

Immerhin war am Eröffnungsabend eine kleine Delegation aus Cheb vertreten, die das Stadt- und Bezirksarchiv vertraten und es wurde ein Grußwort des Archivdirektors verlesen, der die Arbeit des Grenzmuseums von Anfang an sehr unterstützt hat. Immerhin lagern viele die „Fraisch" betreffende Archivalien im Stadtarchiv. - Von der Stadtverwaltung in Cheb war niemand anwesend, während aus Waldsassen immerhin der Bürgermeister gekommen war, womit zumindest eine der einstigen „Konfliktseiten" vertreten war. Vielleicht wollte man aber nur der Diskussion um die Legitimität der Ansprüche auf den „Egerer Stadtwald" aus dem Wege gehen, nachdem Bürgermeister Albert Köstler am zweiten Tag des Symposiums darüber referierte.

Immerhin kamen am zweiten Tag Teilnehmer aus Pilsen nach Neualbenreuth und wurden sehr herzlich in das Symposium integriert. Allerdings liegt Pilsen weiter entfernt von der Grenze und wäre damit historisch außen vor. Mit den Vertretern des Zollmuseums in Pilsen wurde eine Zusammenarbeit vereinbart. Es soll der Versuch unternommen werden, die Ausstellung auch nach Pilsen zu holen. Sprachlich würde sie hier keine Schwierigkeiten vorfinden, allerdings muss erst noch ein geeigneter Ort für die Ausstellung über die „Fraisch" gefunden werden.

 

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