Pilsen eröffnete sein Jahr als Kulturhauptstadt Europas

Ressorts: Feste, Kultur

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Autor

Hermann Höcherl

DATUM

Dienstag, 10 Februar 2015 17:08

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„Schon lange aus dem Dornröschenschlaf erwacht“ 
Eigentlich liebt es der Pilsener Bürger mehr gemütlich. Trotzdem war und ist die viertgrößte Stadt der Tschechischen Republik mit ihren nahezu 170 000 Einwohnern seit den 1990er Jahren in einem kontinuierlichen, zielgerichteten und positiven Wandel begriffen. Sie ist nicht mehr die graue Industriemetropole von einst, der Weg führt hin zu einer lebens- und liebenswerten Stadt, in der auch Kunst und Kultur ihre angemessene Rolle spielen, die Touristen aus den Nachbarländern und der ganzen Welt etwas bieten kann. Dies ist aber wiederum einer wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklung als Basis jeglichen Kulturschaffens zu danken. Und dennoch: So groß die Freude über das Kulturhauptstadt-Jahr sein mag, die finanziellen Folgen liegen schon jetzt den für das Gemeinwohl der Stadt Verantwortlichen schwer im Magen..
Wirtschaft legte die Basis
Tschechien ist.inzwischen einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands geworden. Lange bevor Kontakte auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene entstanden, waren Betriebe aus Bayern in Tschechien präsent, gründeten Zweigstellen, trieben Handel und pflegten intensive Kontakte. Der technologische Standard glich sich im Laufe der Jahre immer mehr an. Die Wirtschaft legte den Grundstein für das weitere Zusammenwachsen der Regionen. Die Diözesen Regensburg und Pilsen sind eng verbunden, ebenso die 17 000 Studenten zählende Westböhmische Universität mit der in der Partnerstadt Regensburg
Pilsen ist längst nicht mehr nur die Stadt des Bieres und von Skoda -  wenngleich jährlich rund eine halbe Million Besucher das Brauereigelände und die 19 Kilometer langen unterirdischen Gänge sowie das Museum besuchen. Das Unternehmen „Pilsner Urquell“ mit einem Ausstoß von mehr als vier Millionen Hektolitern – die Abfüllanlage kommt vom Krones-Konzern aus Neutraubling, Landkreis Regensburg - gehört inzwischen zum südafrikanischen Konzern SABMiller. Skoda, die einstige Waffenschmiede der österreichisch-ungarischen Monarchie wurde in mehrere selbständige Unternehmen unter dem Namen Skoda aufgeteilt. Während in Pilsen kein Auto mit diesem Namen gebaut wird, ist dennoch das verbliebene Stahlwerk und Maschinenbauunternehmen mit rund 4000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt. Der ab 1996 entstandene Industriepark Borska beherbergt inzwischen 42 Unternehmen mit rund 10 000 Arbeitsplätzen. 
Schon seit 1992 ist die Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz aus der Pilsener Partnerstadt Regensburg über „Bayern International“ mit einer Zweigstelle im Zentrum  von Pilsen vertreten, ebenso wie die IHK für die Oberpfalz und Kelheim über die  Außenhandelskammer in Prag. Die Vertretungen stimmen sich über ihre Tätigkeitsfelder detailliert ab. Sie bieten die Grundberatung für Aktivitäten deutscher Unternehmen und Handwerksbetriebe in den Kammerbezirken im Lande, unterstützen diese dann weiter in Tschechien mit Kontakten und vor allem bei administrativen Problemen. Mehrere Anfragen täglich kommen auf diese Beratungsstellen zu. Als wichtigste Aufgaben der Zukunft nennt Ludwig Rechenmacher von der Handwerkskammer in Regensburg den Abbau der Sprachbarrieren auf beiden Seiten und ein Hin zu gleichwertig anerkannten Abschlüssen, weiter das Problem gemeinsamer und anerkannter Arbeitsschutzbestimmungen und die Chancen für Ergänzungsqualifikationen junger Menschen, die hier oder in Tschechien arbeiten wollen.
Eröffnung mit Farben und Akrobatik
Im Vorfeld und während des ganzen Jahres 2015 stimmen die Macher des EU-geförderten Projekts „regio2015“, das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee, die Stadt Regensburg und die Organisationsgesellschaft Pilsen 2015, mit Veranstaltungen wie dem „Zug der Kultur“, einem Kulturbus und weiteren Aktionen in Regensburg und Schönsee potentielle Besucher auf die das ganze Jahr über gebotenen Events in Pilsen ein. „regio2015“ ist mit 40 von rund 600 Veranstaltungen über das Jahr hinweg in der westböhmischen Metropole vertreten. Und so mehrten sich die Stimmen, die bereits im Vorfeld zu hören waren und die da sagten und warnten: „Weniger wäre mehr!“
Ein wahres Feuerwerk von Attraktionen bot dann der Tag der Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres, der 17. Januar. Vor der feierlichen Eröffnung unter der Gesamtleitung von Petr Forman, Sohn des bekannten Regisseurs Milos Forman, führte der Weg für vier Besucherströme zum Platz der Republik mit der Sankt Bartholomäus-Kathedrale. Sie symbolisierten nicht nur die vier Flüsse der Stadt, sondern zeigten die Vielfalt ihrer Interessen, die künstlerischen und handwerklichen Aktivitäten der Bewohner. In der anschließenden hinreißenden Show, an der über 150 tschechische und ausländische Schauspieler, Akrobaten, Musiker und andere Künstler teilnahmen, konnten die Zuschauer den spannenden Auftritt des schweizerischen Hochseilartisten David Dimitri verfolgen oder das in der Tschechischen Republik größte „Video-Mapping“ aus der Werkstatt „3dsense“ auf einer Fläche von 5000 Quadratmetern erleben, welches nicht nur die Kathedrale zum farbenfrohen Leben erweckte, sondern auch die prächtigen Häuserfronten um den Platz. Die Pilsener Philharmonie begleitete die Eröffnung mit der Erstaufführung der „Glockensymphonie“ des bekannten Komponisten Mark Ivanovic, deren Höhepunkt der erste Schlag der neuen Glocken der Kathedrale bildete. Diese Glocken konnten dank der großen Aktion „Eine Glocke von Herzen“ mit Spenden der Pilsener Bürger angeschafft werden. Am Abend begann dann in der ganzen Stadt eine Riesenparty, im Freien und in Dutzenden von Clubs, Restaurants und Cafes mit Konzerten, Tanzveranstaltungen, Autorenlesungen und weiteren Überraschungen.
Stimmen zum Kulturhauptstadt-Jahr
Petr Forman, künstlerischer Leiter: „Meine große Sehnsucht ist es, den Menschen die ganze kulturelle Bandbreite zu zeigen. Es geht um einen Mentalitätswandel. Vielen Bürgern bei uns fehlt die Erfahrung aus anderen Ländern und Kulturen. Diese Verschlossenheit ist sehr schade. „Open up“ ist deshalb das offizielle Motto des Kulturhauptstadtjahres …. Die Jahrzehnte des Kommunismus haben bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Die Kultur war in Pilsen immer ein Aschenbrödel. Aber es ändert sich seit geraumer Zeit etwas.“ 
Für viele andere, mit denen wir sprechen, so auch den Leiter des Centrums Bavaria Bohemia  in Schönsee, Hans Eibauer, hat sich bereits so viel in Pilsen getan, angefangen vom Neuen Theater bis hin zu den Kulturwerkstätten und den Botanischen Gärten, dass man mit Recht sagen könne: „Pilsen ist aus dem Dornröschenschlaf längst erwacht.“
Zwei Straßenbahnstationen vom historischen Stadtzentrum entfernt liegt für die meisten Besucher das bislang unbekannte Pilsen. In einem Nebengebäude des Südbahnhofes hat Martin Cernik mit jungen Künstlern, Schauspielern und Musikern schon vor Jahren ein alternatives Kulturzentrum gegründet. Doch viele Projekte fielen dem Rotstift zum Opfer. 
Martin Cernik: „Die Unterstützung aus Europa und Prag ist leider nicht so, wie sie sein sollte.... Die Stadt Pilsen trägt deshalb jetzt den größten Anteil der Kosten. Wir sind sozusagen allein.“
Ende 2012 nahm Tomas Froyda frustriert seinen Hut als Chef des europäischen Kulturhauptstadt-Jahres. „Jetzt sieht alles wunderbar aus, das Programm ist da, aber die größten Probleme kommen noch nach dem Jahr 2015, wenn die Stadt alles bezahlen und dann feststellen muss, dass für die weitere Entwicklung kein Geld da ist.“
Marko Martin, Schriftsteller und Publizist, Berlin, im Deutschlandradio zu den Kulturhauptstädten Mons (Belgien) und Pilsen: “....Um es frei heraus zu sagen: Es ist höchste Zeit, mit diesem pompösen Defilee von Konzepten und Ideen aufzuhören, die Millionen von EU-Steuergeld verschlingen, ohne Völker zu verbinden oder anderweitig wirklich nachhaltig zu sein. Dabei feiern die Schlüsselwörter „Nachhaltigkeit, Diversität, Innovation“ in den Programm-Katalogen wahre Orgien.“
Josef Schwejk, Hundehändler, ( nachempfunden): „Also, ein Bruder von einer Cousine eines Bekannten von mir aus Pilsen hatte auch immer solche Visionen, die er den Leuten auf der Straße erzählte, wenn er wegen seiner bösen Frau nicht heimging.“ Spaß beiseite.
Die Vorfreude auf das Kulturhauptstadt-Jahr ist bei den Machern ungetrübt. Ein Höhepunkt werden auch die Konzerte in der prächtig renovierten Großen Synagoge. Pilsen will sich 2015 an seine lange, auch jüdisch geprägte Geschichte erinnern. Bürgermeister Martin Zrzavecky ist sich deshalb sicher: Trotz aller kulturpolitischer Querelen und der chronischen Unterfinanzierung werde sich seine Stadt gut präsentieren. „Die Situation ist kompliziert für uns. Aber ich vergleiche es mit einer  Autofahrt. Wir Tschechen fahren Skoda und nicht Mercedes wie in Deutschland. Unser Kulturhauptstadt-Jahr ist deshalb ein solider Skoda, der zu einem guten Preis gute Qualität bietet.“
HERMANN HÖCHERL
BT 1. Die leuchtende Kathedrale Sankt Bartholomäus bei der Eröffnungsfeier. (Foto: Höcherl)
Bt2: Der brave Soldat Schwejk durfte nicht fehlen: Statt „reinrassige Hunderln“ zu verkaufen trägt er die Sonderausgabe einer Zeitung aus. (Foto: Höcherl)

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