Ottengrün und Hardeck in der „Fraisch“

Ressorts: Städte, Reiseberichte, Bayern, Hintergrund, Tourismus

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Freitag, 22 Juni 2012 18:09

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Die beiden Orte Ottengrün und Hardeck liegen beinahe nebeneinander in einem Gebiet, in dem die Königreiche Böhmen und Bayern territorial durchmengt waren, sich ihre Bewohner in ihrer egerländischen Sprache und Kultur nicht unterschieden. Heute gehören sowohl das egerische Ottengrün als auch das stiftische Hardeck zur bayerischen Oberpfalz, Marktgemeinde Neualbenreuth im Landkreis Tirschenreuth.

 

Sie sind in der heutigen Zeit nur noch Ortsteile von Neualbenreuth in der „Mitte Europas", das einst zu Eger gehörende Rittergut Ottengrün mit seiner Wallfahrtskirche „Kleine Kappl" und das stiftische Schloss Hardeck mit Dorf, das wiederum zum Kloster Waldsassen gehörte. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts stand das eine im Königreich Böhmen, während das andere dem Königreich Bayern untertänig wurde. Das ganze Gebiet, in dem die beiden Orte liegen, also die,so genannte „Fraisch", entsprach in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr den politischen Gegebenheiten der Zeit, die an klaren Grenzen wollte. Es war das Ziel der Herrschenden, eine klare und überschaubare lineare Grenzziehung zu schaffen, die auf die überkommenen alten Territorialstrukturen keinerlei Rücksicht mehr zu nehmen gedachte und wo sich den Einwohnern nur zwei Möglichkeiten boten: sich einzufügen oder in einen anderen Staat auch räumlich überzuwechseln. – unter Berücksichtigung einer angemessenen Übergangsfrist selbstverständlich. Diese Option wurde den Menschen von den Obrigkeiten damals noch eingeräumt.

1. Hardeck und sein Schloss

Zehn Kilometer östlich von Waldsassen an der Bezirksstraße nach Neualbenreuth und bereits von weitem sichtbar erhebt sich auf einer 15 Meter hohen, steilaufragenden Felsnase, die gegen Südwesten zur Wondreb steil abfällt, die ehemalige Felsenburg Hardeck. Diese wurde 1316 als castrum Hardekke, 1434 als veste Hardeckh und als munitio Hardeck bezeichnet. Von hier aus bietet sich dem Betrachter eine bezaubernde Aussicht, die im Hintergrund vom aufsteigenden „Egerer Stadtwald" abgeschlossen wird. Am Fuße der alten Burg stehen die ehemaligen Ökonomiegebäude mit dem großen Einfahrtstor und das frühere Amtshaus. Beschrieben wird das heutige Schloss wie folgt in den „Kunstdenkmälern des Königsreichs Bayern II, Oberpfalz und Regensburg Band IV":

„Die Feste Hardeck ging 1316 aus dem Besitz der Leuchtenberger durch Kauf an das Kloster Waldsassen über (Gradl, Monumenta Egrana 368, 644) und blieb, von einem kurzen Zwischenbesitz abgesehen, bis zur Säkularisation bei Waldsassen. Seitdem ist es Privatbesitz, die Güter zertrümmert. Das jetzige Schloss wurde 1708 von dem Abt Hausner (1. Abt nach der Gegenreformation) erbaut, ein doppelgeschossiger Bau auf rechteckigem Grundriss mit einer Flucht von sieben Fenstern an den Langseiten. In der Mitte der beiden Schmalseiten springen polygone Erker vor, die vom Boden aufgehen." Dazu heißt es u. a. auch in den „Verhandlungen des historischen Vereins von der Oberpfalz", Band 33, weiter: „Man gelangt vom Schlosshofe auf einer aus Granitsteinen erbauten Treppe von 15 Stufen in das Schloss, dessen untere Räumlichkeiten mit bloß einem bewohnbaren Zimmer, einem Aufbewahrungsgewölbe und zu unterst einem vortrefflichen Felsenkeller. Vom Erdgeschosse führt eine schöne, breite Stiege in den oberen Stock, wo sich ein geräumiges Flötz, rechts ein geräumiger Saal und links mehrere kleine Zimmer befinden."

Wie andere historische Anlagen kann auch Hardeck auf eine bewegte Historie zurückschauen. So bildete das Schloss Hardeck einen selbständigen Gerichtssprengel, verwaltet von einem Klosterrichter, der in einem eigens erbauten Amtshaus wohnte. - Das Richteramt Hardeck setzte mit dem Jahre 1360 ein. – Da Hardeck der Sitz der Hals- und Blutsgerichtsbarkeit für den ganzen östlichen Bezirk des Klostergebietes war und in diesem auch egerische Untertanen wohnten, kam es zu zahlreichen Streitigkeiten zwischen Waldsassen und Eger. Das Amberger Staatsarchiv besitzt noch zahlreiche Dokumente, die Gerichtsverhandlungen, unter anderem über einen Hexenprozess, belegen, daneben aber auch Baurechnungen, Auflistungen der anlässlich der Fraischübergabe abgehaltenen Mahlzeiten oder etwa „Was im Richterhaus an Gerätschaften vorhanden". Aus dem vorhandenen Material lassen sich wichtige Erkenntnisse über die damalige Lebenssituation gewinnen.

Dazu beispielhaft zwei bedeutende Fälle, die verhandelt wurden und gerichtsprotokollarisch festgehalten wurden, wie etwa „Georg Zintl zu Neualbenreuth hat Anna Weidhas alda, weil sie ihm 3 Gäns totgeschlagen und in seinen Hut die Notdurft verrichtet, eine Maultaschen geben, derentwegen sie mit der Geigen, er aber, da er sein selbst eigener Richter gewesen, gestraft worden umb 30 Kr." oder aber „Hans Peter Hansl zu Altenalbenreuth und Simon Wilfling zu Schachten haben an der Laurenzikirchweih zu Neuenalbenreuth nach dem Ausgang des verübten Kirchweihstreits eine strafbare Schlägerei gehabt, zu deren der Weidhas den Anfang gemacht, dahero er, Weidhas um 1 G, Wilfling aber 45 Kr. Gestraft worden, Wert 1G. 45 Kr."

Nach dem Mord am Siechenteich (beim früheren Grenzübergang Svaty Kriz gelegen) im Jahre 1589 eskalierte die Situation und die verworrene Lage wurde durch eine besondere Vereinbarung in Eger am 3. Oktober 1591 geregelt, ein vorläufiges Provisorium für die nächsten Jahrhunderte. Im „Egerer Rezess" wurde festgelegt, dass die Gerichtsbarkeit in Hardeck alljährlich zwischen den beiden Reichsständen (Waldsassen und Eger) jeweils am 29. Juli zu wechseln habe. So bekam das ganze Gebiet, auf den sich dieser Rezess bezog, den Namen „Fraisch".

Irgendwann im Laufe der Jahre fiel das Stift Waldsassen an die Kurpfalz und letztendlich an das Königreich Bayern. Das Schloss, als Sommersitz der Äbte genutzt, wurde nach 1801 bayerisches Eigentum und wie das ganze Kloster säkularisiert. Die Güter wurden verkauft und das Schloss selbst gelangte 1847 in private Hände. Die Gerichtsbarkeit wurde 1803 dem kurfürstlichen Landegericht Waldsassen zugeteilt. „Bei der Grenzregulierung 1846 fielen die Dörfer Altalbenreuth, Gosel und Boden der Krone Böhmens zu, gingen also für die Oberpfalz verloren."

Es gibt von keinen Kämpfen oder Schlachten zu berichten, welche die Feste Hardeck getroffen hätten, aber das Schloss Hardeck hätte aber beinahe nach seinem Übergang in Privatbesitz durch das eher rücksichtslose Bewohnen der neuen Nacheigentümer sein Ende gefunden. Der Zahn der Zeit nagte schwer an der Anlage, bis sich die Familie des heutigen Eigentümers Friedrich Söllner erbarmte und das Schloss wieder nach und nach in einen wohnlichen Zustand versetzte. Er beschreibt die Arbeiten der Schlosssanierung wie folgt: „Schon 1937 hat sich der damalige Besitzer, mein Großvater Josef Söllner um staatliche Unterstützung zur Sanierung des Schlosses bemüht, hauptsächlich um gravierende Baumängel (Dachgestühl, Fenster) zu beheben. Mein Vater Alfons Söllner hat in Eigeninitiative in den 50-er Jahren das Dach neu eingedeckt, neue (nicht denkmalgerechte) Fenster eingesetzt, den überaus defekten barocken Putz entfernt und durch Münchner Rauhputz ersetzt."

Heute gehören Dorf und Schloss Hardeck eingemeindet zur nur einen Steinwurf entfernt liegenden Marktgemeinde Neualbenreuth und gehört damit als „Vollmitglied" auch verwaltungsmäßig zur Rest-Fraisch. Das Schloss Hardeck liegt im Herzen Europas und ist damit eingebunden in das historische Bäderdreieck (Marienbad, Karlsbad, Franzensbad).

Die Anfahrt erfolgt über die nord-ostbayerische Autobahn A93 Regensburg-Hof Ausfahrt Mitterteich Süd, Richtung Neualbenreuth, Sibyllenbad.

Ebenso ist das Schloss Hardeck über die Bundesstraße B15 Hof-Weiden oder über die Europastraße E48 Bayreuth-Karlsbad zu erreichen.

 

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