Tschechische Lebensmittelbetriebe müssen auf steigende Eierpreise reagieren

Mit eigener Hühnerzucht gegen die Eier-Krise?

Ressorts: Tschechien, Gesellschaft, Essen und Trinken

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Donnerstag, 29 März 2012 12:22

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Die tschechische Eier-Krise ist in den Lebensmittelbetrieben angekommen. Seit Anfang des Jahres dürfen in der gesamten EU keine Eier von Hühnern aus Großkäfigen verkauft werden. Nicht nur die Verbraucher sehen sich mit steigenden Preisen und sinkender Verfügbarkeit konfrontiert. Der Spirituosenhersteller Stock aus Pilsen begegnet dem Eiermangel nun auf seine Weise: Die Firma hat eine Studie in Auftrag gegeben, in der die Möglichkeiten einer Kapitalbeteiligung an Eierproduzenten oder gar der Aufbau einer eigenen Geflügelzucht geprüft werden sollen.

 

Noch in diesem Frühjahr erwartet Petr Pavlík, Generaldirektor von Stock, das Ergebnis. „Unser Projekt ist eine Antwort auf die sprunghaft gestiegenen Rohstoffpreise für unsere Likörgetränke. Pro Monat benötigen wir für unser wichtigstes Produkt, den Eierlikör, rund 30 Tonnen Eigelb", so der Generaldirektor. Allein in einem Liter „Božkov"-Likör befinden sich angeblich 140 Gramm frische Eier. „Daher müssen wir die Preisentwicklung genau beobachten", so der Geschäftsführer.

Diese Neuorientierung überrascht kaum, denn aufgrund der Angebotsverknappung sind die Preise für Eier seit Beginn des Jahres um 100 Prozent gestiegen; seit die EU den Geflügelzüchtern verbietet, ihre Hühner in Legebatterien zu halten. Obwohl diese Richtlinie bereits seit 1999 bekannt ist, hatten es viele europäische Betriebe nicht geschafft, ihre Ställe den neuen Vorschriften anzupassen. Auch in Tschechien nahm man das Gesetz nicht allzu ernst, offenbar hofften viele Züchter auf eine Verlängerung der Übergangsfrist. „Viele Züchter haben darauf spekuliert, dass Brüssel die Übergangsfrist verlängert", erklärt der Leiter der Geflügelfarm Begokon im mährischen Pohořelice, Jan Šich.

Nach Ansicht des Präsidenten der Tschechischen Agrarkammer Jan Veleba trägt allerdings vor allem der Staat Schuld an der Preisexplosion. „Die bestehende Situation ist auf die leichtfertige Politik der Regierung zurückzuführen. Die Folge: Tschechien ist von der Eier-Produktion in den Nachbarländern abhängig geworden", erklärt Veleba. Heute werden nur 60 Prozent des gesamten Eier-Bedarfs – im vergangenen Jahr lag er bei 2,6 Milliarden Stück – in Tschechien produziert. Der Rest stammt aus dem Ausland, hauptsächlich aus Polen. Doch auch diese Bezugsquelle ist mit der EU-Verordnung vorerst versiegt – das Nachbarland hat die Umstellung der Hühnerhaltung ebenfalls verschlafen.

Gefahr für Kleinbäckereien

Während noch in der zweiten Woche diesen Jahres laut Aussage des Tschechischen Statistikamts (ČSÚ) ein Ei für 2,74 Kronen zu haben war, stieg der Preis innerhalb von neun Wochen auf 5,11 Kronen. Allerdings könnten nach Auffassung der Tschechischen Agrarkammer die Preise nach Ostern wieder fallen. „Der Preis wird zwar nicht mehr auf 2 bis 3 Kronen sinken, nichtsdestotrotz ist diese Krise für diejenigen heimischen Züchter, die rechtzeitig in verbesserte Produktionsbedingungen investiert haben eine echte Chance", so Veleba. Er hat keinen Zweifel daran, dass sich die Situation wieder stabilisiert.

Trotzdem werden Lebensmittelbetriebe, die viele Eier verarbeiten, Preissteigerungen kaum vermeiden können. So ist sich der Präsident des Bäcker- und Konditorverbandes, Jaromír Dřízal, sicher, dass Backwaren in Zukunft teurer werden: „Bäcker und Konditoren haben seit langem mit ständig steigenden Preisen für Rohstoffe wie etwa Weizen, Roggen, Öl, Butter, Mohn, Zucker sowie Energie und Verpackungen zu kämpfen. Und jetzt kommen noch die Eier hinzu." In der Summe entstehen so zusätzliche Kosten, die nur durch höhere Endpreise wettgemacht werden können.

Auch bei der Großbäckerei Jizerské Pekárny mit Hauptsitz in Liberec erwägt man ein Anheben der Preise. „Unsere Waren könnten teurer werden, das hängt vor allem von der Konkurrenz ab. Wenn jedoch die Eierpreise weiter nach oben gehen, müssen wir reagieren", erklärt Geschäftsführer Roman Kozák. Betroffen davon wären vor allem Feinkostprodukte und Waren, die viele Eier benötigen. Mit ihren rund 350 Mitarbeitern wird die Bäckerei Jizerské Pekárny die Eier-Krise wohl überstehen. Schlimmer steht es um die kleinen und mittleren Bäckereien. Nach Ansicht von Verbandspräsident Dřízal könnten die aktuellen Preisentwicklungen für viele Betriebe das Aus bedeuten. „Viele pfeifen schon jetzt aus dem letzten Loch und könnten bald schließen. Bäcker und Konditoren wollen qualitativ hochwertige Waren anbieten, aber dies bedeutet unter den heutigen Bedingungen auch höhere Kosten", so Dřízal.

Von Bernd Rudolf

 

Quelle(n)

Prager Zeitung

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