Scheitert der Erwerb des Palais Lobkowicz durch Deutschland auf der Prager Kleinseite?

Eigener Herd - ist Goldes wert

Ressorts: Tschechien, Gesellschaft, Aktuelle Themen

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Montag, 06 August 2012 13:47

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Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, sein Geld in Immobilien als Sicherheit anzulegen, gelegentliche Rückschläge in Form von Erdbeben, explodierenden Tanklastern oder sonstige Naturkatastrophe einmal außen vor gelassen. Nun trägt sich auch die Bundesrepublik Deutschland mit der wohldurchdachten Absicht, ihr bisheriges Mietobjekt in Eigentum umzuwandeln, vor allem auch deshalb, da ihm beim Fall der „Mauer" eine große Rolle zugefallen ist. Die Rede ist von der Botschaft in Prag, die im Palais Lobkowicz residiert, in dessen weitläufiger Gartenanlage Denkmale an die hektische Wochen von 1989 erinnern, als der Garten in einen großen „Campingplatz" umfunktioniert worden war. Das Palais Lobkowicz steht auf der so genannten „Kleinseite".

 

Die Prager Kleinseite - Malá Strana – ein unterhalb der Prager Burg liegender Stadtteil war einmal eine eigne Stadt der Reichen und des Adels. Hiervon zeugen noch heute die zahlreichen prunkvollen Paläste und Kirchen. Hier siedelte König Přemysl Ottokar II. im Jahre 1257 norddeutsche Kolonisten an, „die (erste) Neustadt (Nova civitas sub castro Pragensi), die er mit Magdeburger Stadtrecht versah. Schon im 14. Jahrhundert wurde die Stadt Civitas Minor Pragensis genannt, der Name Kleinseite (Malá Strana) hat sich bis heute bewahrt." - Die Kleinseite läuft postalisch unter der Bezeichnung „Prag I".

Das Prager Stadtbild wird von zahlreichen Palais geprägt. In die Liste der nach ihren Erbauern oder berühmten Familien benannten Palais gehört etwa das klassizistische Palais Liechtenstein, das barocke Palais Waldstein, das Palais Pálffy, das Palais Kolowrat und das Palais Fürstenberg. Eines der ältesten Renaissancegebäude in der Stadt ist das Schwarzenberg Palais, während das Palais Kinsky eine Dominante der Ostseite des Altstädter Rings darstellt.

Doch hier geht es um das barocke Palais Lobkowicz, die ehemalige Stadtresidenz der Familie von Lobkowicz, nicht zu verwechseln mit dem an die Familie Lobkowicz restituierten „Palais Lobkowicz" auf der Prager Burg. In das historische Palais auf der Kleinseite zog 1973 die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland zur Miete ein. Weltweit bekannt wurde die Botschaft, als sie 1989 zum Zufluchtsort von etwa 7000 Flüchtlingen aus der DDR wurde. Sie harrten hier unter beengten Umstände so lange aus, bis der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 vom Balkon des Palais aus unter dem Jubel ihre Möglichkeit der Ausreise bekannt gab.

Im Botschaftsgarten erinnert ein bronzener Trabant auf vier Beinen an diese hektischen Wochen. „Quo Vadis" heißt die Skulptur des Prager Künstlers David Černý. Eine Inschrift verrät den Hintergrund des Kunstwerks: „Zur Erinnerung an die vielen tausend Deutschen aus der DDR, die im Sommer und Herbst 1989 über die Botschaft in Prag den Weg in die Freiheit suchten und fanden." - Mehr Informationen zum Botschaftsgebäude lassen sich auf der Webseite „Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag" finden. Daher ist man seit einigen Jahren von bundesdeutscher Seite aus darum bemüht, das Palais käuflich zu erwerben. Die Regierung in Prag hat sich nun bereit erklärt, die geschichtsträchtige Immobilie an die Bundesrepublik zu verkaufen, im Tausch mit einem Grundstück im Zentrum Berlins. Das tschechische Außenministerium hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, um den Wert des Anwesens auf der Kleinseite zu ermitteln. Einspruch dagegen kommt aber immer wieder von einem Nachkommen der einstigen Eigentümerfamilie, dem in der Schweiz geborenen Jiří Lobkowicz. „Eines der glänzendsten architektonischen Denkmäler", sagte er, soll in den Besitz eines fremden Staates übergehen, und dies „offensichtlich aus ökonomischen Beweggründen".

Zu diesem Vorgang hat sich auch der tschechische Politologe und Publizist Bohumil Doležal in der elektronischen Ausgabe der gesellschaftspolitischen Zeitschrift „Reflex", reflex.cz, am 24. Juli 2012, zu Wort gemeldet. Doležal meint, mit Blick auf die Geschichte des Gebäudes sei es unakzeptabel, dass die Regierung aus offenkundig wirtschaftlichen Interessen eines der schönsten architektonischen Denkmäler des Hochbarocks an einen ausländischen Staat verkaufe. Im Jahr 1927 hatte der damalige Vertreter der Familie Lobkowicz den Barock-Palast dem tschechoslowakischen Staat verkauft. Jiří Lobkowicz behauptet nun, dies sei unter der Bedingung geschehen, das Gebäude nicht in die Hände von Privatpersonen oder ausländischen Staaten fallen zu lassen.

Ökonomische Beweggründe stellen anscheinend in dieser Angelegenheit einen erschwerenden Umstand dar. Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass eine derartige Distanz zu materialistischen Interessen zwar bewundernswert ist, sie aber etwas leichter fällt, wenn besagtem Herrn Jiří Lobkowicz ein Schloss in Mělnik bei Prag einschließlich der umliegenden Grundstücke gehört. Außerdem will die Bundesrepublik Deutschland das Palais nicht lediglich aus materialistischem Interesse kaufen, sondern vor allem, weil es mit einem wichtigen Ereignis in der neueren deutschen Geschichte verbunden ist, und zwar dem Massenexodus von Einwohnern der DDR in die Freiheit, der im Herbst 1989 den Zusammenbruch dieses grässlichen Staatsgebildes einläutete. Auch die tschechische Regierung will sich bei diesem Verkauf sicher nicht nur die Taschen voll stopfen, sondern würde dem westlichen Nachbarn gern entgegenkommen, was gerade in dieser Angelegenheit sowohl anständig als auch politisch umsichtig ist.

Überdies kann der objektive Betrachter sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich Herrn Lobkowicz zufolge nicht nur um einen fremden Staat handelt, sondern um eine besonders verwerfliche Form eines fremden Staates, was gelinde durch die Wortverbindung "fremdländische Gemeinschaft" angedeutet wird. Und: "Die unser Erbe bildenden Kulturgüter unseres Volkes müssen vor dem Ausverkauf bzw. dem Austausch ins Ausland verschont und geschützt werden." Hierzu wird eingewandt, dass Deutschland nicht beabsichtigt, das Palais zu demontieren und nach Berlin zu schaffen. Und zum anderen ist dieses Kulturgut zum allgemeinen Erbe geworden, als es die Tschechoslowakei 1927 von einem Vorfahren des Herrn Lobkowicz gekauft hat.

Angeblich hat dieser Vorfahre des Herrn Lobkowicz das Palais aus dem Grund verkauft, damit es nicht in den Besitz unbefugter Privatleute oder fremder Staaten gerät. Die Gemeinschaft "unbefugter" physischer und juristischer Personen ist heute relativ gut definiert: Hierzu gehört vor allem die Kirche, insbesondere die katholische, deren Klauen man den Prager Veitsdom entreißen konnte. Es drohte nämlich, dass der Dom etwas mehr zum Gotteshaus als zum nationalen Hort wird. Weiter ist das der Adel, freilich mit Ausnahme von stammestreuen Patrioten, wie es Herr Lobkowicz einer ist. Und schließlich sind es die Deutschen und Deutschland.

Nach Aussage von Herrn Lobkowicz hat sein Vorfahre das Palais mit Verlust an den tschechoslowakischen Staat verkauft. Er will damit zweifelsohne betonen, dass die Beweggründe seines Ahnen rein patriotischer Natur waren. IWer ist nun Jiří Lobkowicz, der jüngst erneut sein Unverständnis über den geplanten Verkauf an die Bundesrepublik Deutschland äußerte? Er gehört zum Mělniker Zweigs der gleichnamigen Adelsfamilie und man schreibt zu seiner Person: „Jiří Jan Lobkowicz (* 23.April 1956 in Zürich in) ist ein tschechischer Politiker. Er ist Vorsitzender der Partei Cesta změny (Weg der Veränderung), die er Ende 2001 vor den Tschechischen Parlamentswahlen 2002 mitgründete, und einer der stellvertretenden Vorsitzenden der Europäischen Demokratischen Partei, die er auch mitgründete... Nach seiner Rückkehr erhielt er im Wege der Restitution von der kommunistischen Partei konfisziertes Vermögen zurück. Dazu gehören vier Schlösser – darunter auch das Schloss Mělník – ein Prager Stadthaus, etwa 400 bis 500 Hektar Acker- und Weideland, ein Weinbau-Betrieb mit 135 Hektar Rebflächen und weitere 2500 Hektar Boden aus dem ehemaligen Besitz seines Vaters. Neben der Verwaltung des Vermögens arbeitete er als Berater verschiedener Minister und war Aufsichtsrat in verschiedenen Unternehmen."

 

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