Tschechische Bauern sollen umweltfreundlicher arbeiten – oder auf einen Teil ihrer EU-Subventionen verzichten

Die grüne Pistole

Ressorts: Unternehmen und Märkte, Tschechien, Europa, Naturschutz, Politik, Wirtschaft, Umwelt

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Freitag, 21 Oktober 2011 14:07

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Agrar-Subventionen aus Brüssel sollen stark eingeschränkt werden. Das geht aus einem in der vergangenen Woche vorgestellten Bericht der EU-Kommission hervor. Demnach soll ein landwirtschaftlicher Betrieb – egal welcher Größe – nur noch maximal 300.000 Euro (7,4 Millionen Kronen) von der Europäischen Union erhalten. Etwa ein Drittel der bisherigen Direkthilfen sollte nur dann an die Landwirte ausgezahlt werden, wenn sie umweltfreundliche Auflagen erfüllen. Generell soll gelten: Ökobauern müssen finanziell stärker unterstützt werden.

Eine solche Neuregelung würde besonders Tschechien hart treffen. Denn mit einer Fläche von durchschnittlich 152 Hektar – dies entspricht etwa 100 Fußballfeldern – verfügt das Land europaweit über die größten Agrarbetriebe. Ökologische Landwirtschaft ist hierzulande kaum verbreitet.

Kein Wunder, dass der Vorschlag aus Brüssel beim Tschechischen Bauernverband (ZSČ) auf wenig Verständnis stößt. „ Sie stellt eine Fortsetzung des historisch ungerechten Prinzips der Direktzahlungen dar", ärgert sich der Sekretär des Bauernverbandes, Martin Pýcha. Für ihn habe der Antrag jedoch auch seine positiven Seiten: „Die Innovationsfähigkeit der Betriebe könnte durchaus gesteigert werden."

Falls der Vorschlag umgesetzt wird, erhielten die Landwirte nur noch maximal 90 Prozent der jetzigen Zahlungen. Tschechien würde somit nach den neuen Regelungen, die zwischen 2014 und 2019 gelten sollen, auf jährlich etwa 100 Millionen Euro verzichten müssen. Momentan betragen die Zahlungen rund 1 Milliarde Euro. Wann das Gesetz in Kraft tritt, steht derzeit noch nicht fest – der Europäische Rat und das Europäische Parlament müssen dem Vorschlag noch zustimmen.

Nach Ansicht des Tschechischen Bauernverbandes würde die Neuregelung für viele Betriebe ein erhebliches Einkommensdefizit bedeuten, das „Höfesterben" jedoch nicht beschleunigen. „Es kann sein, dass der eine oder andere Bauernhof schließen muss, aber es wird keinen Knall geben", so Verbandschef Pýcha. Nach Ansicht des tschechischen Europaabgeordneten Hynek Fajmon (ODS) könnten die Reformen allerdings eine Verkleinerung der Betriebe zur Folge haben. Denn EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos will durchsetzen, dass kleine Höfe durch eine Staffelung der Zahlungen mehr Hilfen bekommen als Großbetriebe.

Die Zielrichtung ist eindeutig: Statt Masse setzt die EU auf Klasse. Gefördert würden unter anderem auch der Anbau von Fruchtfolgen und Brachflächen. „Die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik ist von enormer Bedeutung", erklärt EU-Agrarkommissar Ciolos.

Nach Ansicht des Europäischen Dachverbandes Copa/Cogeca sei die Reform stark ideologisch geprägt. In einer Presseaussendung ist darauf hingewiesen worden, die Nachfrage nach Nahrungsmitteln werde bis zum Jahr 2050 um 70 Prozent steigen. Dagegen ist die Umweltorganisation Greenpeace der Auffassung, dass auch mit dieser Reform zerstörerische Praktiken unterstützt werden. Sie fordert eine „hundertprozentige Unterstützung" von Bio-Landwirten.

Von Bernd Rudolf

 

Quelle(n)

Prager Zeitung

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