„Die böhmische Großmutter. Reisen in ein fernes nahes Land“

Ressorts: Bücher, Kultur, Hintergrund

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Dienstag, 24 Juli 2012 14:37

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Ein Buch von Dietmar Grieser vermittelt dem Lesepublikum einen Einblick in die Geschichte familiärer Beziehungen innerhalb des Großraums Österreich-Ungarn unter besonderer Berücksichtigung aller derjenigen, die hinein in die Länder der böhmischen Krone reichten.

Karel Gott hat mit seiner „Babíčka" gesungen, getanzt, gelacht. Heintje die „Oma", die so lieb und nett ist, angehimmelt und beide gemeinsam haben mit ihren Schwärmereien über glückliche Zeiten viele Musikträger unter die Menschen gebracht. Schließlich besitzt im Normalfall jeder Mensch eigentlich auch zwei davon, nämlich Großmütter. Und der Wiener Schriftsteller namens Dietmar Grieser reiste auf Spurensuche in „ein fernes nahes Land", immer den Blick in die Erinnerung an seine eigene, böhmische Großmutter gerichtet. - Mit meiner eigenen „böhmischen Oma" verknüpfe ich durchaus angenehme Erinnerungen, besonders wenn ich an ihren Mohnstriezel denke!

 

Dessen vollmundige Aussagekraft backlich hat die Mama leider nie erreichen können. Aber letztendlich man kann ja auch von den Erinnerungen „zehren" und bekanntlich nimmt die platonische Liebe ihren Weg auch durch den Magen. Die beinahe tschechische Schwiegeroma lassen wir aber sicherheitshalber total außen vor! – Meine „Babe", wie ich gelegentlich sagen hörte, sprach aber nie auch nur ein „behmisches", also tschechisches Wort, obwohl sie doch eigentlich eine echte böhmische Omi war.

Doch nun zum Buch „Die böhmische Großmutter" von Dietmar Grieser, der sich offensichtlich, wie es sich für einen guten Wiener geziemt, gleichwohl in Hannover geboren, auch an eine Großmutter aus „Böhmen" erinnern kann, die ihn während der Kindheit unter ihre speziellen Fittiche genommen hat. Vielleicht hätte er diese Oma zunächst einmal explizierter als „deutschböhmische" Großmutter betiteln sollen, um sämtliche Spekulationen bei einer Übertragung des Buches ins Tschechische auszuräumen, was die Zugehörigkeit der Omas bei der Nationalität betrifft. Andererseits stammt des Autors Großmutter aus dem „Hultschiner Ländchen" und wäre damit eigentlich eine „schlesische Großmutter" aus Nordmähren. – Laut Autor fand seine Oma ihr Ende während der Vertreibung bei einem Aussiedlungstransport im Herbst 1945. Die Großmutter starb den Hungertod.

Doch behandelt der Inhalt von „Die böhmische Großmutter" nicht die eigene Familiengeschichte des Autors, sie dient ihm eher als Aufhänger für die Fragestellung, wer in Wien – und Umgebung – noch alles auf eine Oma aus Böhmen zurückgreifen kann. Grieser geht es um die Aufhellung jener schicksalsträchtigen „Verwandtschaften..., die das heutige Österreich nach wie vor mit dem ‚heimlichen böhmischen Reich" verbinden." - Diese Bezeichnung entwickelte ironisch der Publizist Willy Lorenz mit einem Rückgriff auf das „Heilige Römische Reich".

Wer kann nun auf eine böhmische „Mischpoche" und damit gegebenenfalls auf eine Großmutter von dort zurückblicken? „Franz Schuberts Eltern stammten aus Mähren, Egon Schieles Mutter aus dem südböhmischen Krummau, beide Großväter Bruno Kreiskys waren Deutsch-Böhmen. Gustav Mahler ist in Iglau aufgewachsen, Sigmund Freud ist in Freiberg, Alfred Kubin in Leitmeritz zur Welt gekommen, Adalbert Stifter im Böhmerwald. Die Verbindungen des heutigen Österreichs zum alten Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien sind derart umfassend, dass sie ein eigenes Lexikon füllen könnten. Und doch ist dieses gewaltige Reservoir großer Geister, deren sich Österreich (mit Recht) rühmt, für viele von uns eine „Terra incognita."

Dietmar Grieser hat mit seinem „Familien-Reiseführer" den Versuch unternommen, dieses „ferne nahe Land", einschließlich der angegliederten Regionen Mähren und Schlesien, also die „böhmischen Länder" insgesamt, dem Leser auf eine unverwechselbare Art zu erschließen. Entstanden ist dabei aus seiner eigenen Spurensuche ein Buch der besonderen Art, das voll von bewegenden Schicksalen und Überraschungen ist, ein nostalgisches Buch eben. „Die böhmische Großmutter" ist ein flüssig und auch unterhaltsam geschriebenes Buch, mit ein paar klitzekleinen, im Prinzip unwesentlichen Sachfehlern, da der in Brünn gestorbene und in der Kapuzinergruft beigesetzte Franz von der Trenck es nur zum „Obristen" gebracht hatte und nicht, wie Grieser meint, ein „legendenumwobener Pandurengeneral" war. - Und, glaubt man den Berichten einschlägiger Zeitzeugen, war der Pandur Trenck nicht nur ein rechter Haudegen, sondern gab es auch gewisse Affären mit Weibsleuten, da auch er kein Kostverächter war.

Und abschließend stellt sich noch die Frage nach dem Verbleib der „böhmischen Großmutter" von Casanova aus Venedig, der in Dux in gräflichen Diensten als Bibliothekar verstorben ist? Offensichtlich war er ohne eine solche, also einer speziell „böhmischen", aber Casanova passt doch auch gut in den Reigen berühmter Persönlichkeiten mit einem böhmischen Bezug. Schließlich war die Lagunenstadt Venedig damals doch auch irgendwie mit „Kaukanien" verbunden.

Aber Schwamm drüber! „Die böhmische Großmutter" von Dietmar Grieser ist zurecht, wie es auch angepriesen wird, in der Tat „ein Lese- und Reisebuch der besonderen Art", das seine Leser durch die „Länder der böhmischen Krone" führt und ihnen dabei gleichzeitig den Geschmack „grenzüberschreitender Nostalgie" vermittelt. Nach der letzten Buchseite besteht endgültig Klarheit darüber, dass aus Böhmen nicht nur die Blasmusik kommt.

Aufgemerkt!

Abschließend soll an dieser Stelle auch kurz auf einen Zwiespalt eingegangen werden, betreffend „Nationalität" in Bezug auf die Staatsbürgerschaft, also Zugehörigkeit zu einem Staatsverband oder die Verwendung des Begriffs „Nationalität" bei der Beschreibung der Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe. Im Tschechischen lässt man keine Unterscheidungsmöglichkeiten in der Wortwahl zu und macht deshalb ein gewisses Nachdenken erforderlich. Hier gibt es nur „tschechisch" für alles, was im tschechischen Staate lebt, was bei der Staatsbürgerschaft natürlich seine Richtigkeit besitzt, allerdings bei „böhmisch" Schwierigkeiten verursacht, vor allem wenn es um die „böhmischen" deutschen, mit den diversen Untergruppen, je nach Landesteilen, Großmütter geht. Um z. B. aus einer echten „echerischen" Großmutter, die in dem Buch von Dietmar Grieser nicht erscheint, eine „Česká babíčka" machen zu können, so lautet nämlich der kürzlich im Prager Argo Verlag ins Tschechische übersetzte Titel des Buches, gehört schon Phantasie. Eine einmal angedachte „Tschechische Schweiz" ist auch sprachlich nur ein Wunschtraum geblieben...

Dietmar Grieser - DIE BÖHMISCHE GROßMUTTER. Reisen in ein fernes nahes Land

5. Auflage 2011, Erstauflage 2005, 272 Seiten, mit zahlreichen Abb.

ISBN: 3-85002-536-5

ISBN: 978-3-85002-536-2

Preis: 19.90 EUR

 

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