Sechste „Marienbader Gespräche“: Willkommenskultur für Arbeitnehmer im Grenzraum im Fokus

Der Wohlfühlfaktor im Nachbarland

Ressorts: Unternehmen und Märkte, Tschechien, Ausbildung und Arbeitswelt, Gesellschaft, Region, Wirtschaft

Artikelinformationen

DATUM

Montag, 11 November 2013 13:17

Empfehlen

Artikel drucken

Es rührt sich was im Grenzraum. Das wurde bei den sechsten „Marienbader Gesprächen", organisiert von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, deutlich. 240 Vertreter von Institutionen, Unternehmen und Behörden aus Ostbayern, Tschechien, Österreich und erstmals auch aus der Slowakei trafen sich im tschechischen Marienbad – so viele wie noch nie. „Ein großes Familientreffen", sagte Ludwig Rechenmacher, Außenwirtschafts-Leiter der Handwerkskammer. Im Fokus stand die Willkommenskultur, die notwendig ist, wenn Fachkräfte grenzübergreifend arbeiten.

 

Ein kollegiales Arbeitsklima, die Gleichbehandlung einheimischer und ausländischer Mitarbeiter, kompetente Ansprechpartner in der Firma – beim Brainstorming fiel den Teilnehmern eine ganze Reihe von Punkten ein, die für eine Wohlfühlkultur im Unternehmen wichtig sind. Aber auch außerhalb des Arbeitsplatzes müsse sich einiges tun: Bessere Verkehrsverbindungen, um über die Grenze zum Arbeitsplatz pendeln zu können, oder mehrsprachige Straßenschilder wurden gefordert. Viel bewirken kann sicher auch dieser Vorschlag: „Den Kollegen aus dem Nachbarland nach der Arbeit einfach mal zu einer Party oder zum Verein mitnehmen."

Besonders hoch ist der Anteil tschechischer Arbeitskräfte in den grenznahen Landkreisen Ostbayerns. Im Kreis Cham etwa haben über 30 tschechische Firmen eine Niederlassung oder ein eigenes Unternehmen, auch bei deutschen Betrieben kommen viele Tschechen unter. Aber wie geht es den Arbeitnehmern aus dem Nachbarland? „90 Prozent fühlen sich wohl", zitierte Klaus Schedlbauer, Wirtschaftsförderer vom Landratsamt Cham, eine Umfrage unter 1500 tschechischen Arbeitskräften im Kreis. Die Umfrage zeigte auch: Die meisten der tschechischen Kräfte pendeln von ihrer Heimat zum Arbeitsplatz, etwa die Hälfte spricht kein Deutsch und ist auf zweisprachige Kollegen angewiesen. Die Mehrzahl kommt in metallverarbeitenden Betrieben sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe unter. Ihre Motivation ist häufig ein höherer Lohn – teils aber auch überhaupt eine Jobperspektive.

„Die Arbeitslosigkeit ist in Ostbayern deutlich geringer als in Westböhmen", sagte Joachim Ossmann, Leiter der Arbeitsagentur Schwandorf. Daher erklärt sich auch das Phänomen, dass die Zahl der deutschen Arbeitskräfte in Tschechien eher rückläufig ist. Umgekehrt ist es auf der anderen Seite: Seit 2011 die volle Arbeitnehmer-Freizügigkeit eingeführt wurde, hat sich die Zahl der tschechischen Kräfte in Ostbayern auf 8600 fast verdoppelt.

Deutlich wurde in den drei Arbeitskreisen, dass sich die Probleme der Zukunft auf allen Seiten der Grenze ähneln: Die Bevölkerung wird älter, die Infrastruktur im ländlichen Bereich muss ertüchtig und die Abwanderung der jungen Menschen verhindert werden. Seit vergangenem Jahr nimmt sich diesen Herausforderungen auch die neu gegründete Europaregion Donau-Moldau (EDM) an. „Wir wollen zusammen unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Metropolregionen München, Nürnberg, Prag und Wien stärken", sagte Romana Sadravetz, Leiterin der EDM-Geschäftsstelle. Ziele seien unter anderem die gegenseitige Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen, der Ausbau grenzüberschreitender Berufspraktika sowie die Vermarktung der Region.

„Marienbad ist ein Prozess", erklärte Toni Hinterdobler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. „Wir haben die große Chance, unseren gemeinsamen Wirtschaftsraum weiterzuentwickeln, wenn es uns gelingt, unsere Identität zu festigen." Und diese Identität liege in den kleinen und mittelständischen Betrieben der Grenzregion, wo es überschaubar und menschlich zugehe. An die Politik richtete Hinterdobler die Botschaft, die Hemmnisse bei grenzüberschreitenden Unternehmenstätigkeiten weiter abzubauen. „Wenn die Regeln klar sind, gib es auch mehr Aktivitäten über die Grenze." Der Hemmnisabbau war es auch, der die achtköpfige slowakische Abordnung um Dagmar Urbanová vom Außenministerium in Bratislava besonders interessierte. Bayern sei für die Slowakei ein wichtiger Handelspartner, betonte sie.

Mut machte das „Zukunfts-Atelier Jugend": 27 junge Männer und Frauen aus Tschechien und Ostbayern überlegten sich, wie der Grenzraum noch enger zusammenwachsen kann. Allesamt selbst durch Praktika oder Schüleraustausch erprobte Grenzgänger, gaben sie ganz praktische Anregungen: Mehr Schulausflüge ins Nachbarland organisieren, Tschechisch-Unterricht schon im Kindergarten anbieten, die kulturellen Eigenheiten der jeweils anderen Nation akzeptieren.

Als Ost-West-Kauffrau ausbilden lässt sich Julia Gammer an der Europa-Berufsschule Weiden. Zwei Jahre Tschechisch und einen Schüleraustausch hat sie schon hinter sich. „Tschechisch ist schwer", gibt sie zu. Das Wissen über das Nachbarland hält für sie aber viele Chancen bereit. Wie die Mehrheit der jungen Teilnehmer kann sie sich vorstellen, in Zukunft zumindest für eine Weile im Nachbarland zu arbeiten.

 

Quelle(n)

IHK Regensburg

Politik

Regional

Wirtschaft

Tourismus

Umwelt

Kultur