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Der Tod zog in den Böhmerwald: Es begann in Helmbrechts

Ressorts: Bayern, Tschechien, Tschechien, Region, Hintergrund, Reisen

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Montag, 10 Oktober 2011 01:55

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Die SS hatte das Reich und die von ihm okkupierten Länder mit einem Netz von Konzentrations- und Arbeitslagern überzogen: Tod durch Arbeit. Als die Front von allen Seiten sich immer mehr zusammenzog, wurde mit der Räumung der Konzentrationslager und ihrer Außenlager begonnen. Dabei wird in drei Phasen unterschieden: „In einer ersten Phase zwischen August 1944 und Mitte Januar 1945 wurden die Lager weitgehend geordnet aufgelöst. Meist wurden die Häftlinge der Außenlager im Stammlager zusammengezogen und ein Teil schon Wochen vor der Auflösung des Lagers abtransportiert."

 

Bis Anfang April 1945 kam es dabei auch zu immer hektischeren und chaotischen Räumungen, bei denen die SS-Wachmannschaften vor dem Aufbruch die „marschunfähigen" Häftlinge ermordeten, da es kaum noch Ausweichlager als Zielorte gab. Für diese Maßnahmen der SS wurde auch häufig der Ausdruck „Evakuierung" verwendet - ein zynisches Wort für den Versuch, die rettende Befreiung der KZ-Insassen durch alliierte Truppen zu verhindern. Dabei verursachte der schonungslose, teils auch hektische Abtransport zusätzliche Todesopfer. Eines der vielen Außenlager bestand auch in der Stadt Helmbrechts in Oberfranken und wurde im August 1944 bezogen.

Als die Alliierten immer näher rückten, wurde auch die Auflösung des Lagers Helmbrechts in die Wege geleitet und die Insassinnen auf einen ungewissen „Todesmarsch" geschickt, der die Frauen bis in den Böhmerwald nach Wallern/Volary in Südböhmen führen sollte. Dieser begann am 13. April 1945 mit insgesamt 1175 Häftlingen. Der Marsch führte diese von Haide aus über Meierhof und Ahornberg nach Schwarzenbach an der Saale, dann über Neuhausen bei Rehau, von Franzensbad, Marienbad, Plan und Taus bis nach Wallern, wo er am 4. Mai 1945 endete. Auf diesem Marsch über eine Strecke von beinahe 200 Kilometer starben mehr als 200 Frauen an Erschöpfung oder wurden von der Begleitmannschaft ermordet. Als „Todesmarsch" werden im Nachhinein von den überlebenden Opfern verschiedene „Räumungsaktionen" der SS-Wachmannschaften in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. Das Wort ist zu stehenden Begriff der Grausemkeit geworden. Im Standardwerk „Enzyklopädie des Nationalsozialismus" wird der „Todesmarsch" als ein „Phänomen im Dritten Reich, vor allem gegen Ende des Krieges, als die Häftlinge etlicher KZ evakuiert und in großer Zahl gezwungen wurden, unter unerträglichen Bedingungen und brutalen Misshandlungen über weite Entfernungen zu marschieren, wobei ein großer Teil von ihnen von den Begleitmannschaften ermordet wurde" definiert.

Das Außenlager Helmbrechts

Das Außenlager im oberfränkischen Helmbrechts bestand aus insgesamt elf Holzbaracken und war ausschließlich für weibliche KZ-Häftlinge bestimmt. Kurz nach der ersten Belegung wurde es dem KZ Flossenbürg unterstellt. Bereits am 19.7.1944 waren die ersten 179 Häftlinge in Helmbrechts eingetroffen, die mit den Aufseherinnen und männlichen Wachposten zunächst in den Werkhallen des Textilunternehmens Witt untergebracht wurden, wo die Kabel- und Metallwerke Neumeyer aus Nürnberg für die Rüstung produzierten. Das gesamte Lager wurde von einem zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun eingeschlossen und zusätzlich dazu einem äußeren einfacher Zaun, an dem Warnschilder mit der Aufschrift „Gefahrenzone" und Tafeln mit dem Hinweis „Sperrgebiet - es wird ohne Anruf geschossen" angebracht waren. Die Lagerinsassen wurden auch von weiblichen Aufseherinnen bewacht, die mit Gummiknüppeln, Peitschen und Stöcken ausgerüstet waren.

Zu den 179 Häftlingen kamen bis Mitte Januar 1945 nochmals etwa 500 weitere aus Ravensbrück dazu. Diese Mädchen und Frauen erhielten auf dem Transports kein Essen und viele von ihnen wurden krank. Von den ca. 700 Insassen stammten viele „Schutzhäftlinge" aus Polen, Russland und dem „Protektorat". Anfang März trafen weitere 621 jüdische Häftlinge in Helmbrechts ein. Ende Januar waren etwa 1000 Frauen aus dem Außenlager Grünberg in Schlesien abmarschiert, die den ganzen Weg bis Helmbrechts zu Fuß zurücklegen mussten. Auf dem langen Märschen nach Oberfranken starben viele Häftlinge an Erschöpfung oder wurden erschossen. Die in Helmbrechts ankommenden waren alle unterernährt und hatten Erfrierungen, litten an Darmerkrankungen, besonders an Ruhr. Bis zur Räumung des Lagers starben in Helmbrechts weitere 40 bis 50 jüdische Frauen. Kurz vor dem Eintreffen der US-Truppen wurde das Lager geräumt, die Frauen auf den Todesmarsch geschickt. Auf einem mitgeführten LKW „lagen am ersten Tag 60 Gehunfähige und Kranke der insgesamt 1.175 Häftlinge. Den Zug begleiteten etwa 15 mit Gewehren bewaffnete SS-Männer und zwölf SS-Frauen, die mit Stöcken und Peitschen ausgestattet waren. Nach Aussagen der Wachposten sollten unterwegs gehunfähige Häftlinge sofort erschossen werden. Jegliche Kontaktaufnahme mit Zivilpersonen an Straßenrändern war verboten. Wer den Häftlingen Nahrungsmittel zukommen lassen wollte, wurde mit Gewalt daran gehindert oder zum Mitmarschieren gezwungen."

Neben dem Eingang des Helmbrecher Friedhofs erinnern ein Gedenkstein sowie eine Tafel an die Opfer des Außenlagers und des Todesmarsches nach Wallern/Volary.

Die Gedenkstätte „Langer Gang" in Schwarzenbach a. d. Saale

Schwarzenbach a. d. Saale war das erste Tagesziel. Auf der Strecke hierher waren zehn Häftlinge „auf der Flucht erschossen" worden. In der Nähe des Schwarzenbacher Bahnhofs machte die Kolonne dort halt, wo heute die am 9. November 2004 eröffnete Gedenkstätte „Langer Gang" an den Todesmarsch der Frauen aus Helmbrechts erinnert. Das Gebäude der heutigen Gedenkstätte war eines der Quartiere, in denen die Frauen untergebracht waren. Die Gedenkstätte wird vom „Verein gegen das Vergessen" betreut und ist an jedem ersten Sonntag sowie nach Absprache geöffnet.

Auf dem örtlichen Friedhof befinden sich sieben Reihengräber, die vom allgemeinen Friedhof durch eine Hecke abgetrennt wurden. Hier wurden neben polnischen und ukrainischen Kriegstoten (Zwangsarbeiter) auch mindestens sieben jüdische KZ-Opfer (eine Frau und sechs Männer) beigesetzt, die auf den Todesmärschen vom KZ Buchenwald und vom KZ Helmbrechts im April 1945 ermordet und hier bestattet wurden.

 

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