Der Bismarckturm auf dem Grünberg bei Eger

Ressorts: Reiseberichte, Tschechien, Dossier, Thema, Hintergrund, Tourismus

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Mittwoch, 13 Juli 2011 20:40

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Er ist aus der Entfernung selbst nicht zu sehen, da er im Schatten eines ihn überragenden Fernmeldeturms steht, einem Relikt aus dem „Kalten Krieg".

Wer im Egertal auf der Straße oder auf der Schiene zwischen Bayern und Böhmen unterwegs ist, dessen Blick fällt auf den 1973 errichteten großen Sendeturm für „Radiokommunikation“, der oberhalb der westböhmischen Gemeinde Pomezi nad Ohři/Mühlbach an der Eger im Wald steht.

Mit seinen rund 60 Metern Höhe beherrscht dieser metallene Riese den Grünberg (Zelená hora), den Hausberg der Stadt Eger/Cheb. Der in seinem Schatten stehende „kleinere Bruder“ dagegen ist unsichtbar, da er kaum über die Baumwipfel hinausreicht. Zwar ist der bewaldete Grünberggipfel mit einer Seehöhe von 638 Metern relativ niedrig, dafür liegt er aber strategisch günstig 237 Meter über dem Wasserspiegel des Egerstausees. Dreieinhalb Kilometer weiter westlich befindet sich ein kaum beachtetes Dreiländereck zwischen Franken (Sechsämterland), Oberpfalz (Stiftsland) und Böhmen (Egerland). Vom oberpfälzischen Pechtnersreuth nahe Waldsassen sind es nur zwei Kilometer bis zum Grünberggipfel. Ein lohnender Weg für Wanderer und auch Radfahrer, da seit dem Beitritt Tschechiens zum „Schengen-Raum“ die Grenze überall passierbar geworden ist. Ein gut ausgeschilderter Weg durchquert den ehemaligen Todesstreifen des „Eisernen Vorhangs“. Oberflächlich betrachtet war diese Grenze fast genau 48 Jahre lang auch die Trennlinie zwischen zwei Kaiserreichen, dem wilhelminischen, Deutschen Reich und der K.K.-Monarchie Österreich-Ungarn, präziser zwischen den Königreichen Bayern und Böhmen. Es war das politische Werk Otto von Bismarcks (1815-98), der Deutschland mit „Blut und Eisen“ einte, freilich um dem Preis des Ausschlusses der davor ebenfalls zum Deutschen Bund gehörenden österreichischen Länder. Kaum war dieser „Einheitskanzler“ gestorben, schossen im Deutschen Kaiserreich Bismarckdenkmäler und Bismarcktürme wie Pilze aus dem Boden, deren Zahl bis 1917 auf 227 anstieg, und bis 1934 kamen noch sieben weitere hinzu. 171 solcher Türme stehen noch heute, darunter sogar vier im ehemaligen Habsburgerreich.

Zwischen den einstigen Ortschaften Oberpilmersreuth und Oberkunreuth stand auf dem Grünberg schon seit dem 23. August 1891 ein 14 Meter hoher, hölzerner Aussichtsturm, erbaut von Zimmermeister Pötzl im Auftrag des „Egerer Verschönerungsvereins“. Nachdem er baufällig wurde, musste der Turm schon 1907 gesperrt werden. Daher bestand der Plan, ihn durch einen 18 Meter hohen Neubau aus Granit zu ersetzen und am 22. Mai 1909 veröffentlichte die „Egerer Zeitung“ einen Spendenaufruf, der in der Bevölkerung eine so große Resonanz fand, dass der Bau schon im Sommer des Jahres beginnen konnte. Viele Bismarcktürme jener Zeit wurden als „Feuertürme“ konzipiert, in Anlehnung an einen vermeintlichen Germanenkult, die an nationalen Gedenktagen lodernde Flammengrüße durch die Nacht zu schicken sollten und dann als „leuchtendes Sinnbild für die Einheit Deutschlands“ gewertet wurden. - Der Egerer Bismarckturm hat irgendwie aber auch ohne Feuer Bezug zur Einheit Deutschlands, denn er wurde an einem 3. Oktober 1909 eingeweiht, aber seine Erbauer verstanden unter „Einheit“ damals einen grenzenlosen deutschen Sprachraum.

Bismarckturm
Der Grünbergturm mit seinen Balkonen und 24 Säulen vermittelt einen eher luftigen und verspielten Eindruck, ganz im Gegensatz zur trutzigen, wehrhaften und oft abweisend wirkenden Architektur anderer Bismarcktürme. Über seinem Eingang ist das Stadtwappen von Eger in Stein gehauen und die ursprüngliche Tür war aus Eisenblech. Sie war mit Schwertern verziert und trug in der Mitte einen sechszackigen Stern, das mythologische Zeichen der Germanen für das Universum und als weitere Ergänzung die „Kornblume“ der „Alldeutschen“. - Das Egerer Wappentier ist der alte Reichsadler, der in CSSR-Zeiten an anderen Stellen durch den böhmischen Löwen ersetzt worden war.

In der Ersten Tschechoslowakischen Republik blieb der Bismarckturm, der ja eigentlich eine antihabsburgische Provokation war, unangetastet, obwohl er natürlich auch den Bestand des Staates in Frage stellte. Doch mit dem Untergang „Großdeutschlands“ hatte auch Bismarck ausgedient. Nach der Vertreibung der ansässigen Egerländer wurden nach 1945 die Gebäude der Grenzgemeinde Oberpilmersreuth, inklusive der weithin sichtbaren Wallfahrtskirche St. Anna und den Grünberghäu¬sern sowie auch der Nachbarort Oberkunreuth bis 1965 dem Erdboden gleichgemacht. Die Fluren dieser modernen Wüstungen gehören heute zur Stadt Cheb. Der Bismarckturm im Schatten des „Eisernen Vorhangs“ versank für ein halbes Jahrhundert in einen wahren Dornröschenschlaf, denn nur die Wachsoldaten der Grenztruppen durften noch die 72 Stufen der Wendeltreppe zur Plattform hinaufsteigen. Ein Drahtzaun umgab das Gelände und seine Feuerschale steckte in einem hölzernen Verschlag. Hinter dem Turm erhob sich ein Stahlgittermast, der ihn um wenige Meter überragte und für Grenzüberwachungszwecken gedient hat. Mitte 1990 öffnete die CSSR ihre Westgrenze und schleifte auch hier die Sicherungsanlagen des „Eisernen Vorhangs“. Bis 1993 waren Umzäunung sowie Installationen beseitigt und später fiel auch der Stahlgittermast. Viele Bewohner von Cheb wussten damals gar nichts von der Existenz des verwahrlosten Turms.

Der Rundblick, der sich von hier bietet ist ein echtes Erlebnis. Im Westen erkennt man die Städte Arzberg und Hohenberg mit der Burg sowie Teile des Fichtelgebirges. Im Süden schweift der Blick von der Wallfahrtskirche „Kappel“ über den Tillenberg bis zum Kaiserwald. Im Norden grüßt der „Kollege“ vom Hainberg im Ascher Zipfel und im Osten der Kapellenbergturm. Hinter dem Egerstausee sind der auch erloschene Vulkan Kammerbühl und links davon die Kurstadt Franzensbad zu sehen. Die einstige Stauferstadt Eger mit ihrer Kaiserpfalz und dem mittelalterlichen Stadtkern liegt dem Betrachter beinahe zu Füßen und links darüber am Erzgebirgsfuß erkennt man die Doppelturmfassade der Wallfahrtskirche Maria Kulm. Der Bismarckturm auf dem Grünberg ist vom 1. April bis 30. September offen. Der Eintritt ist frei.

Auf einer tschechischen Wanderkarte von 2002 ist am Grünberggipfel “Bismarckova” eingetragen. Damit scheint sich der Name, der vor 100 Jahren von allen echten Habsburg-Patrioten vermieden wurde, letztendlich doch durchgesetzt zu haben.

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