Ein Blick in die Geschichte

Das Ende des „Prager Frühlings“ – oder die Folgen für SKODA

Ressorts: Auto und Verkehr, Dossier, Thema, Umwelt

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Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Samstag, 16 Juli 2011 12:26

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Schlagworte

Automobile | Skoda

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Das Ende des „Prager Frühlings“ – oder die Folgen für SKODA

Wie sich der Einmarsch der Warschauer Paktstaaten im Jahre 1968 auf die technische Innovation und wirtschaftliche Prosperität beim bekanntesten tschechischen Autohersteller auswirkte.

Was in Prag ab dem 21. August 1968 alles passiert ist, wurde im Westen aufmerksam verfolgt und überall besorgt zur Kenntnis genommen. Die nächtliche Landung auf dem Prager Flughafen, die rollenden sowjetischen Panzer, die Besetzung der kommunistischen Parteizentrale und des Rundfunkgebäudes, dazu zahlreiche Verhaftungen und die erfolglosen Massenproteste. Dies alles konnte im Fernsehen teils in Direktzeit mitangesehen oder über Rundfunk mitgehört werden.

Auch die, die weit von der Staatsgrenze entfernt im Innern der Bundesrepublik Deutschland lebten, bekamen die neusten Nachrichten aus der CSSR direkt ins Wohnzimmer geliefert, da die Berichterstattung aus dem von den sozialistischen Bruderstaaten besetzten Prag jetzt über Wien weiterlief. - Allerdings gab es damals noch in der ARD oder dem ZDF den „Sendeschluß“, die Fernsehübertragungen wurden nach Programmschluss eingestellt und begannen wieder mit dem nachmittäglichen Kinderprogramm. Heutzutage eine „Unmöglichkeit“. – Wir waren also über die Vorgänge im Nachbarland bestens informiert und tschechische Reporter hielten uns mit ihrer aktuellen Berichterstattung in Atem. Zudem kamen die ersten tschechischen Flüchtlinge auch bei uns an und berichteten über ihre eigenen Erlebnisse während der Invasion. Unsere Blicke waren stets auf die Ereignisse in Prag gerichtet und wir erfuhren auch über den Flüchtlingsstrom nach Österreich oder in die Bundesrepublik. Nachrichten aus der tschechischen Provinz waren allerdings nur wenig zu vernehmen. Die Aufmerksamkeit war auf die Ereignisse in der Hauptstadt konzentriert.

Wie erstaunlich war es also, in einer Autoclub-Zeitung etwas über die Ereignisse des Jahres 1968 in der tschechoslowakischen Provinz abgedruckt zu finden, speziell darüber, was sich damals in den Skoda-Werken von Mladá Boleslav/Jungbunzlau abspielte. Der damalige Bürgermeister der Stadt, Karel Herčik und ein ehemaliger leitender Angestellter der Skoda-Werke, Petr Hrdlička, erzählten in diesem Artikel über jene kritischen Tage außerhalb der tschechoslowakischen Hauptstadt und die dortigen Folgen der Krise. In Mladá Boleslav marschierten am 21. August zunächst polnische Truppen ein, die nach drei Tagen von sowjetischen Einheiten abgelöst wurden. Die dortigen tschechischen Truppen mussten ihre Kaserne räumen und den Sowjets Platz machen, die sich hier bis 1991, also bis zwei Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, einrichteten und aufhielten.

In den Skoda-Werken von Mladá Boleslav arbeiteten 1968 rund 15.000 Menschen, die sich neben einem eintägigen Generalstreik gegen die Invasionstruppen aus den sozialistischen Bruderstaaten auch an Demonstrationen und Kundgebungen beteiligten. Sonst lief aber die Produktion weiter, allerdings kam es während dieser Tage zu einem Produktionsausfall von 2200 Neuwagen. Im Frühjahr 1969 begannen auch im Okres (Kreis) Mlada Boleslav die politisch motivierten „Säuberungen“. 35 „Feinde des Sozialismus“ machte man hier ausfindig, alles Personen, die sich während des „Prager Frühlings“ besonders hervorgetan hatten. In der Folge flohen rund 400 Einwohner aus dem Landkreis damals in Richtung Westen. Bei Skoda kam es außerdem im Rahmen dieser Säuberungsaktionen zu betrieblichen Entlassungen. Die gefeuerten Spezialisten mussten sich jetzt mit minderen Tätigkeiten in anderen Bereichen finanziell über Wasser halten. Zu diesen gehörte auch der Chefkonstrukteur von Skoda, Seidl, der von einem linientreuen Parteigenossen „abgelöst“ wurde. Fachliche Kompetenz war in den Hintergrund getreten, was jetzt zählte, war die Linientreue.

Opfer dieser Personalpolitik wurde ein Projekt, mit dem Skoda einen neuen Weg beschreiten wollte. Seit 1964 wurde von Skoda der MB 1000 produziert, ein Wagen mit Heckmotor nach dem Vorbild des legendären VW-Käfers, ein in den sechziger Jahren aber bereits veraltetes Modell, da international bereits Fahrzeuge mit Frontantrieb aufgekommen waren. Um ebenfalls mithalten zu können, begann man bei Skoda ab 1967 mit der Entwicklung eines Mittelklassewagens, der die Projektnummer „720“ trug. Sein Design sollte nach italienischem Vorbild gestaltet werden. Von diesem Model blieb allerdings nur ein Prototyp erhalten. Der „720“ ähnelte dem später von VW auf den Markt gebrachten „K70“.

Warum ging aber der Skoda „720“ nie in Serienproduktion? Schuld daran war die nach stalinistischem Vorbild auch in der Tschechoslowakei organisierte Planwirtschaft. Hinzu kamen bürokratische und finanzielle Probleme, da die von Skoda erwirtschafteten Exporterlöse zunächst einmal in die Staatskasse flossen, aus der wiederum die Gelder für neue Projekte beantragt werden mussten. Die Inkompetenz dieser neuen Führungsriege bei Skoda trug dazu bei, dass der Skoda „720“ nie in Serie ging, weil keine neuen Gelder mehr für das Entwicklungsprojekt abgezweigt wurden. Es wurde daraufhin 1972 eingestellt. Bewilligt wurden lediglich noch die Mittel für eine neue Karosserie auf der Basis der alten Heckplattform. So entstand der Skoda 120, ein damals bereits hoffnungslos veraltetes Modell. Mehr über die Entwicklung dieses gescheiterten Fahrzeugmodells ist in dem Buch „L&K – ŠKODA“, Teil II von Petr Kožíšek und Jan Králík zu finden.

 

Das Foto: Das Projekt „Š 720“, das als erstes Fahrzeug von Skoda mit Frontantrieb ausgestattet werden sollte, dessen Serie jedoch 1972 an der Planwirtschaft scheiterte. Mit freundlicher Genehmigung des Firmenhistorischen Archivs von ŠKODA AUTO.

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Karl W. Schubsky

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