Die Burgruine Wittinghausen über St. Thoma

Auf historischen Spuren in Südböhmen (2)

Ressorts: Reiseberichte, Tschechien, Hintergrund, Heimat und Brauchtum, Tourismus, Wissenschaft und kulturelle Bildung

Artikelinformationen

Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Freitag, 18 Mai 2012 14:10

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Der Besuch der „Teufelsmauer", ein weiterer Programmpunkt auf der Agenda des Seminars „Heimatliche Frühlingsbräuche", musste wegen widriger Wetterverhältnisse leider aus dem Programm gestrichen werden, da das schwierige Gelände, durch das der Fußweg dorthin führt, von Regen durchnässt worden war, was eine erhöhte Unfallgefahr bedeutet hätte. Dieses Risiko wollten die Organisatoren nicht eingehen, da nicht alle Reiseteilnehmer gut zu Fuß waren. Daher ging die Fahrt ohne Unterbrechung weiter, vorbei an Friedberg/Frymburg am südlichen Ufer des Lipno, wo das kürzlich zu Wasser gelassene neue Flaggschiff der Stauseeflotte im Hafen vor Anker lag.

 

Vielleicht an dieser Stelle ein paar Worte über das 1968 gebaute, 85 Tonnen schwere, 32 Meter lange und sechs Meter breite Passagierschiff für 250 Personen, das auf dem 62 Kilometer langen Landweg im Schritttempo von Linz aus durch das Mühlviertel nach tagelangem Transport an seinem Bestimmungsort am südböhmischen Moldau-Stausee gebracht wurde. Bis nach Linz war es aus eigener Kraft von Koblenz aus gefahren. Wie in der oberösterreichischen Presse stand, war die „Schifffahrt" durch das Mühlviertel ein gewaltiges Ereignis mit wahrem Volksfestcharakter. Der Transport verschlang den stolzen Betrag von rund 100.000 Euro, der Kaufpreis betrug 450.000 Euro - eigentlich ein Schnäppchen, da ein neues Schiff fast vier Millionen gekostet hätte. In Friedberg findet am 2. Juni die offizielle Schiffstaufe statt, nach der die „MS Marksburg" unter ihrem neuen Namen „Adalbert Stifter" ihren Dienst auf dem Stausee für die „Rosenberger Lipno Line" aufnehmen wird.

Vom Stausee aus führte der Weg durch eine Landschaft, die sich in ihrer Ursprünglichkeit

auch in den Texten Adalbert Stifters widerspiegeln. Das nächste Ziel der Exkursion aus

Oberplan war die Ruine Wittinghausen mit Sv.Tomas/St.Thoma im

Landschaftsschutzgebiet Sumava/Böhmerwald. Die Pfade dahin sind selbst für einen

gestandenen tschechischen Reisebus nicht ohne Tücken, da schmal und aufstrebend

– heimwärts dann natürlich eng und abstrebend. - So stammten die einzigen vernehmbaren

Laute nicht wie sonst meist im Böhmerwald vom Wind in den Baumwipfeln und von den

allgegenwärtigen Vögeln, sondern vom gequälten Motor der Reisekutsche. Links und rechts

viel Baum und noch mehr Grün. Dann die Ankunft: Die Ruine Wittinghausen, Schauplatz

von Stifters Erzählungen „Der Hoch¬wald" und „Witiko", liegt hoch im ehemaligen

Sperrgebiet und über den an allen zehn Fingern abzählbaren Häusern der heute kaum noch

existenten Ortschaft St. Thoma/Sv. Thomas.

Stammburg der Wittigonen

Als Adalbert Stifter hier ging, war die Burgruine noch nicht vom Wald verschluckt worden, denn immerhin hatte sie als Burg noch ihren Zweck zu erfüllen, wofür der Berg kahl gehalten werden musste, um herannahende Feinde rechtzeitig zu bemerken. Auf Stifters bekanntestem Gemälde der Ruine ist kaum ein Baum oder Gebüsch zu sehen und in seinem Roman „Der Hochwald" erzählt er, dass die Burg von weit her sichtbar sei, sogar von oberhalb des schwarzen Sees unter dem Plöckenstein. Seit alters her hatte die Burg strategische Bedeutung. Sie war Stammburg der Wittigonen, Festung und Verwaltungszentrum für die umliegenden Dörfer und wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrmals die Besitzer: die Rosenberg, Eggenberg, Sternberk und Schwarzenberg. Letztere gaben die Anlage auf.

Der Anstieg hinauf zu Stifters „geliebten, kleinen Würfel" vom Rest des Dorfes St. Thoma

war nicht ohne Kraftaufwand und viel Puste zu bewerkstelligen. Immerhin ist das eine Höhe,

die auch von der Glatzen im Kaiserwald knapp erreicht wird und stellt für echte Egerländer

daher keine größere Herausforderung dar... Von hier führt der Pfad weiter, vorbei an einem

spätkommunistischen tschechoslowakischen Beobachtungsturm in Richtung Ruine

Wittinghausen. Heute wird der Burgturm vom dem umgebenden Wald fast

verborgen, dafür aber ist der nahe stehende, über dreißig Meter hohe Stahlgitterturm der

ehemaligen Grenzwache nur zu deutlich sichtbar, ein Objekt aus der Zeit des „Eisernen

Vorhangs". Auf ihm standen die Beobachter der nahen Grenze, nachdem im mittelalterlichen

Burgturm, der also bis in unsere Tage als Wachturm gedient hatte, die Steintreppe eingestürzt

war. Auch andere Touristen hatten den Berg erklommen und füllten die Lücken auf,

die durch die in St. Thoma zurückgebliebenen „Fußkranken" entstanden waren. Dabei waren

auch Erklärungen eines einheimischen Reiseführers aus dem nächsten Nachbarort im

Mühlviertel zu vernehmen, die sich beispielsweise auf einen unterirdischen Bunker bezogen,

der als Munitionsdepot verwendet worden war, auf die Baracken, die als Kasernen für

stationierte Garnison gedient hatten und auf die Tatsache, dass der Stahlgitterturm im Jahre

1988 errichtet wurde, weil die Bäume den alten, aber kleineren, überwachsen hatten.

Treffpunkt für Begegnungen

Bekanntlich ändern sich die Zeiten und auch die Landschaften. So hat sich die Burg Wittinghausen im Laufe langer Jahre auch verändert und in eine Ruine gewandelt. Allerdings ist der Bergfried weiterhin durchaus massiv und inzwischen auch wieder stabil. Dass dies weiterhin auch so bleibt, darum kümmert sich die „Bürgervereinigung Vítkův Hrádek", wie die Burgruine Wittinghausen auf Tschechisch genannt wird. Die Gruppe bemüht sich um die Sicherung und Erhaltung des bestehenden Zustands der Burgruine und hat sie der breiten Öffentlichkeit als bedeutendes Kulturdenkmal zugänglich gemacht. Von anwesenden Mitgliedern der Bürgervereinigung war zu erfahren, dass sich seit 1998 der Verein Vítkův Hrádek ehrenamtlich um den Erhalt der Burgruine kümmert. „Im Jahre 2005 wurde sie wiedereröffnet und der Verein organisiert dort nun Kulturveranstaltungen. Dank der grenznahen Lage stellt die Burg einen guten Treffpunkt für internationale Begegnungen dar. Ihre reiche Geschichte ermöglicht eine Auseinandersetzung mit diversen Themen aus der gemeinsamen Vergangenheit: von mittelalterlichen Handelswegen bis zum Eisernen Vorhang und der EU-Erweiterung."

Geschützt von dickem Gemäuer befindet sich unter freiem Himmel inmitten des Turmes eine kleine Bühnenanlage für Konzerte, aber das Wichtigste ist - neben dem inzwischen wieder zu besteigenden Turm - die „Šenk" mit ihren Tischen und Bänken, wo der erschöpfte Besucher neue Kräfte für den weiteren Aufstieg auf die Aussichtsplattform sammeln kann. – Natürlich besteht die Alternative, zuerst hinaufzusteigen und sich dann um das leibliche Wohl zu kümmern. – Dies sehen die Betreiber von der Bürgervereinigung nicht ganz so eng! Ein lustiges Völkchen, bei denen man sich mit „Böhmakeln" gut verständigen kann, denn es zählt hier die Gastlichkeit.

Von der hochgelegenen Aussichtsplattform des mächtigen steinernen Turmes bietet sich eine imposante und wunderschöne Aussicht weit in die umliegende Landschaft. Auf einer Seite das dunkle, schwermütige Böhmerwalder Gebirge und etwas weiter auch der Berg Kleť. Bei idealen Wetterverhältnissen sind auf der anderen Seite selbst die scharf geschnittenen Spitzen der Alpen sichtbar. Da fällt dem Wanderer unwillkürlich – und zwar schon tagsüber - das kleine Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh (Wanderers Nachtlied)", das da heißt:

„Über allen Gipfeln ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch."

St. Thoma und seine Kirche

Nach gelungener Stärkung und einer lustigen Unterhaltung geht der Weg wieder abwärts bis zur Kirche von St. Thoma. Die Kirche, ein gotisches Bauwerk aus der Mitte des 14.Jahrhunderts und in der 1. Hälfte des 16. Jahrhundert im spätgotischen Stil umgebaut, wurde 1786 im Rahmen der josefinischen Reformen geschlossen. Die Kirche verfügt über Spitzbogenfenster. Fast hundert Jahre blieb sie dann verwahrlost, bevor sie neu geweiht und renoviert wurde. Eine weitere Zerstörung kam nach der Aussiedlung der ursprünglichen deutschen Bewohner sowie der Ankunft des nachfolgenden Grenzmilitärs. Die dritte Kirchenweihe erfolgte nach einer General-Rekonstruktion, zu welcher großteils die Ausgesiedelten und ihre Nachkommen beigetragen haben, im Jahre 1997.

Im Kircheninneren ist im Gewölbe über dem Altarraum ein Wappenschild und ein Steinkreuz wie aus aus zusammengebundenen Baumästen. Vor dem Kirchlein erinnern Ansichtskarten mit Fotos aus der Vorkriegszeit daran, wie es hier einmal ausgesehen hatte. Dazu ist auch in einem alten Reiseführer folgendes zu lesen: "St. Thoma. Dieses hochgelegene Dorf (960m) besitzt nur eine Gasse ähnlicher Holzhauerhütten von welchen eines das vornehme Schild 'Hotel zur Ruine Wittinghausen' trägt. Vor dem Dorf steht ein Forsthaus (auch als Jagdschloß benutzt) in dem einige Gemächer mit Zeichnungen von Dürer geschmückt sind". - Das genannte Forsthaus Revertera brannte allerdings1990 ab, während die meisten Häuser des Dorfes bereits nach der kommunistischen Machtübernahme in der CSSR 1948 „geschleift" worden waren. - „Während der Herrschaft der Kommunisten erlitt die Kirche das Schicksal der meisten Gotteshäuser des Landes und wurde zur Ruine. Ganz stolz erzählt der Förster, dass die kleine Kirche 1948 zerstört worden wäre, hätte er nicht, wohlberaten vom Sprengtrupp des Regimes, das der Kirche nahestehende Haus trotz zahlreicher Drohungen und Demütigungen mit Krediten erworben und sich seiner Zerstörung widersetzt. Da eine Sprengung der Kirche das Haus gefährdet hätte, durfte sie stehen bleiben. Jahrelang wurde sie als Schafstall missbraucht." Jetzt macht sich Herr Ziegrosser um seine Renovierung verdient.

Renovierung der Kirche

"Leiden Christi" in St. Thoma

„Die St. Thoma-Kirche war 1347 gebaut worden und wurde bald zu einer viel besuchten Wallfahrtskirche. Die von Kaiser Joseph II. 1786 verfügten Wallfahrtsgesetze hatten die Schließung der Kirche zur Folge. Die Innenausstattung wurde verschleudert, das Gebäude verfiel. 1858 wurde das Gotteshaus im kleinen, 1874/75 in großem Rahmen renoviert: der Turm erhöht, die restaurierten Statuen der Apostel Petrus, Jakobus, Johannes sowie Johannes des Täufers auf Granitsäulen gestellt. Am Hochaltar wurden drei Bilder aufgehängt. 1875 feierte der Ort die Neuweihe. 1936 vervollständigte eine wertvolle gotische Madonna, vermutlich aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die Kirchenausstattung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie in die Galerie Frauenberg verbracht. Die Kirche selbst wurde verwüstet, die Ortschaft, wie auch die angrenzenden, zerstört und zu militärischem Sperrgebiet erklärt. Der Verfall der Kirche ließ sich in den siebziger und achtziger Jahren nicht aufhalten. Besonders starke Schäden wurden durch das schadhafte Dach verursacht.

Erst 1990 konnten erstmals wieder Besucher an die Kirche gelangen. Doch war zu diesem Zeitpunkt das Gebäude schon stark einsturzgefährdet. Die Fenstergläser waren zerborsten, der Altar zerstört, die Steinplatten am Fußboden aufgerissen, Orgel und Kirchenstühle fehlten.

Sowohl in Österreich als auch in Deutschland gründeten sich Fördervereine zur Rettung von St. Thoma. Hilfe kam ebenfalls von Tschechen. Spenden und tatkräftige Mithilfe initiierten und unterstützten die Sanierungsmaßnahmen. Diese begannen mit Aufräumarbeiten. Danach wurde die Bausubstanz gesichert, der Dachstuhl erneuert, das Dach mit Schiefer, das Turmdach mit Kupfer neu gedeckt. Um das Mauerwerk von Feuchtigkeit zu befreien, musste eine Drainage rund um das Gebäude angelegt werden. Bevor das Kirchenkreuz gesteckt wurde, gaben die Initiatoren Niederschriften in die Turmkugel. Die Madonna verbleibt allerdings in der Galerie - doch ist eine Kopie wieder in St. Thoma - wie ebenfalls die Heiligenstatuen nicht zurückkehren werden. Im Mai 1996 erfolgte die Glockenweihe, im August 1997 schließlich wurde die Kirche neu geweiht. Auch die Friedhofsmauer ist wieder freigelegt und mit Steinen der zerstörten Häuser neu gemauert.

Mittlerweile heißt es also nicht mehr: "Rettet die Kirche von St. Thoma", sondern "St. Thoma lebt!".

Pünktlich zur Rückfahrt nach Oberplan fanden sich die „versprengten" wieder beim Bus ein und es ging die engen Waldsträßchen zurück hinunter zum Moldau-Stausee. Wieder vorbei an Friedberg und über den Staudamm erreichten sie geistig gut ausgelastet und voll von neuen Eindrücken das Adalbert-Stifter-Zentrum, wo das Abendessen bereits ihrer harrte. „Schee war's!"

 

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