Senioren nutzen die Kommunikationsmöglichkeiten der sozialen Medien

Auch im Alter gut vernetzt

Ressorts: Tschechien, Gesellschaft, Aktuelle Themen

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Donnerstag, 12 April 2012 16:54

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Karel Koška vermeldet soeben seinen ersten Facebook-Status: „Bin hier gerade im Facebook-Kurs und stehe total auf dem Schlauch!" Dem gängigen Klischee vom verdatterten Rentner, der gerade noch Maus und Keyboard auseinanderhalten kann, entspricht er dabei ganz und gar nicht. Der 71-Jährige ist durchaus versiert im Umgang mit dem Rechner und meistert auch das unübersichtliche Facebook-Menü recht schnell. Er ist einer von vier Teilnehmern, die sich bei Elpida für den Kurs „Soziale Medien" angemeldet haben. Den bietet das Prager Seniorenzentrum, das sich in einem kleinen Plattenbau im Viertel Krč befindet, mittlerweile regelmäßig an.

 

Senioren interessieren sich heute nicht mehr nur für das Internet im Allgemeinen oder wollen lernen, wie man E-Mails schreibt. Die Anfragen werden immer konkreter, weiß der Direktor von Elpida, Jan Bartoš. „Grundkenntnisse wie Microsoft Word oder Internet Explorer beherrschen die meisten schon", sagt er. „Jetzt wollen sie lernen, was genau Facebook alles kann oder wie man mit Skype kostengünstig telefoniert. Das ist gerade für Rentner, die oft mit wenig Geld auskommen müssen, sehr praktisch."

Dass soziale Medien neue und kostengünstige Kommunikationskanäle öffnen, ist für viele Menschen im Ruhestand ein Grund, sich mit ihnen zu befassen. So möchte Kursteilnehmerin Věra Fyritová auf Facebook eine alte Schulfreundin finden, die nach Australien ausgewandert ist. Nach nur dreißig Minuten ist diese Mission erfüllt. Die pfiffige Rentnerin, die früher Verkäuferin war, kommt aus dem Staunen nicht heraus. „Das ging jetzt aber echt schnell!" meint sie. „Und dass meine Enkel so viele Bilder über Facebook online stellen, wusste ich auch nicht."

Aus dem Alltag vieler junger Erwachsener sind soziale Medien nicht mehr wegzudenken. So erreichte Facebook im Jahr 2011 in Deutschland an die 22,1 Millionen aktive Nutzer, ein Zuwachs von über 50 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Am stärksten vertreten sind die 18 bis 34-jährigen. Aber auch bei Senioren wächst das Interesse an Facebook und Co. – in Deutschland sind Facebook-Nutzer über 60 die Altersgruppe mit dem deutlichsten Zuwachs: laut der neuesten ARD/ZDF-Onlinestudie verdoppelte sich deren Zahl in den letzten drei Jahren von zwei auf vier Prozent.

Derzeit sind zwar nur etwa zwei Prozent der Tschechen über 60 auf Facebook aktiv, aber auch hier wächst das Interesse an sozialen Medien, meint Martin Stehlík, der seit einigen Jahren die Computerkurse bei Elpida leitet. „In Fernsehen und Presse wird zunehmend über soziale Netzwerke, vor allem Facebook und Twitter, berichtet", so Stehlík. „Natürlich macht das viele neugierig."

So auch Jiří Kotlík, der schon vor der ersten Stunde des Elpida-Kurses ein Facebook-Konto hatte. „Das hat mein Sohn für mich angelegt, aber ich weiß nicht genau, was das alles kann", so der 71-Jährige, der im Zuge seines Berufslebens viel am PC arbeitete und sich auch im Ruhestand noch weiterbilden möchte. „Man hört viel darüber, dass durch soziale Medien Viren auf den Computer gelangen oder sich andere unbefugt Zutritt zu vertraulichen Informationen verschaffen können. Ich möchte wissen, was da dran ist."

Die Angst vor der Verletzung der Privatsphäre sei gerade bei Senioren ausgeprägt, so Kursleiter Stehlík. „Ältere Menschen sind sehr sensibilisiert, was Datenschutz angeht", sagt er und lacht dabei. „Manche Befürchtungen sind wirklich übertrieben, da muss ich dann Überzeugungsarbeit leisten und die Kursteilnehmer beruhigen."

Auf ein Bier mit Facebook

Auch Božena Rybáková, mit 73 Jahren die älteste im aktuellen Kurs, ist noch skeptisch. „Also wo ich gearbeitet habe und wo ich zur Schule gegangen bin, das geht niemanden etwas an", sagt die stille Dame etwas verärgert. Da hilft es auch nicht, dass Herr Stehlík darauf hinweist, dass die Angabe dieser Informationen es ihr erleichtern würde, alte Schulkameraden und Arbeitskollegen auf Facebook ausfindig zu machen.

Eingeschlafene Kontakte wiederbeleben und neue knüpfen – soziale Netzwerke können Senioren oft den Weg aus der Einsamkeit erleichtern. „Das ist neben dem Kontakt mit Kindern und Enkelkindern der wichtigste Beweggrund für Senioren, sich mit sozialen Medien vertraut zu machen", so Stehlík. „Viele fühlen sich dadurch nicht mehr so einsam."

Věra Fyritová sieht das ähnlich. „Als Verkäuferin hatte ich mein ganzes Leben lang Kunden um mich und konnte jeden Tag mit jemandem plaudern" sagt sie. „Das fehlt mir schon ungemein und ich hoffe, über mein neues Facebook-Konto lerne ich neue Menschen kennen."

Diese Hoffnung hat sich ganz nebenbei schon erfüllt: Nach der ersten Kursstunde sind die vier Teilnehmer vom „Sie" auf das „Du" übergegangen, necken sich gegenseitig angesichts ihrer Anfangsschwierigkeiten und planen, sich schon bald auf ein Bier zu verabreden. Und zwar über die Funktion „Veranstaltung erstellen" auf Facebook.

Von Sarah Borufka

 

Quelle(n)

Prager Zeitung

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