Ein Zeitzeugenbericht im Buch „Deutsch zu sein“ in der CSSR

Aktueller denn je: Walter Piverkas Werk

Ressorts: Bücher, Literatur, Kultur, Hintergrund

Artikelinformationen

Autor

Karl W. Schubsky

DATUM

Donnerstag, 01 März 2012 14:02

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Nicht nur der Autor Walter Piverka ist inzwischen in die Jahre gekommen, auch sein Erinnerungsbuch mit dem Titel „Deutsch zu sein", das trotzdem nichts von seiner Aussagekraft verloren hat und ein Zeugnis seiner Jahre in der Tschechoslowakei nach 1945 ist: Lebensstationen vom Obertor in Krummau ins Egerland

 

Walter Piverka feierte im vergangenen Jahr seinen 80. Geburtstag und hat daher viel zu erzählen, da er auf ein ereignisreiches und kämpferisches Leben voll Höhen und Tiefschlägen zurückschauen kann. Daher kann es sich als äußerst hilfreich erweisen, um zu einem besseren Verständnis der Situation der verbliebenen Deutschen während der Jahre nach 1945 in der CSSR bis zu ihrem Ende zu gelangen, auch persönliche Erinnerungen heranzuziehen. Zeitzeugenberichte sind daher sehr wichtig, da sie Facetten wiedergeben, die zwar subjektiv sind, aber doch die „offizielle Geschichtsschreibung" ergänzen können, da diese ja zumeist nur einen Einheitszustand wiedergibt, während persönliche Erinnerungen von diesen auch abweichen können und dabei gezieltere Eindrücke vermitteln.

Besonders wichtig werden sie dann, wenn sie auch über einen kleineren geographischen Raum berichten, über den man sonst kaum etwas in Erfahrung bringen kann. Außerdem wurde „Wenzel Normalverbraucher" häufig nur mit Auswirkungen konfrontiert, unter denen er dann zu leiden hatte, ohne etwas über die dafür verantwortlichen Drahtzieher zu erfahren, die für sein Leid letztlich verantwortlich waren. – Salopp gesagt gibt es in Deutschland noch immer umfangreiche „braune Lücken", während diese in den früheren „Sozialistischen Bruderstaaten" als „rote" bezeichnet werden können. Viele Opportunisten hängen ihre Fähnchen rechtzeitig in den richtigen Wind und können anschließend - und stillschweigend - ihren wohlverdienten Ruhestand genießen, während ihre Opfer, die „Kolalateralschäden", noch heute meist unter den Auswirkungen und Nachwirkungen leiden müssen. Auch in Tschechien hackt eine Krähe einer anderen kein Auge aus. - Meistens ist das zumindest der Fall.

Auf knapp 100 Buchseite hält Walter Piverka die wichtigsten Abschnitte seines Lebens in der Nachkriegstschechoslowakei fest, er, der gelernte Elektriker, der die deutsche Minderheit im Tschechischen Nationalrat (1968-1970; 1990-1992), in der Tschechoslowakischen Föderalversammlung (1969-1970) und im Bürgerforum (1989) vertrat und dann Mitglied des Rats der Nationalitäten bei der Regierung der Tschechischen Republik (1990-2001) oder des Koordinierungsrates des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums (1998-2004) war. - Davor war Piverka auch Redakteur der „Prager Volkszeitung" (1968-1970) und Mitbegründer des Kulturverbandes der Bürger deutscher Nationalität. Aus kleinsten Verhältnissen stammend, aufgewachsen im Böhmerwald, im südböhmischen Grenzgebiet, belastet mit dem „Makel", in der CSSR Angehöriger der deutschen Minderheit zu sein.

Halb erfroren auf dem Fahrrad

„Es war der 25. Dezember 1945, ein bitterkalter Tag mit Temperaturen unter –10 Grad. Der tschechischen Grenze näherte sich von der österreichischen Seite ein vierzehnjähriger Junge – nennen wir ihn kurz Walter – halb erfroren auf dem Fahrrad." So beginnt Walter Piverka in der 3. Person als Erzähler von „Walters" Schwierigkeiten bei seiner Heimkehr zu Weihnachten im Jahre 1945 zu berichten, als er vom Bodensee zurück in den Böhmerwald wollte, nach Krummau an der Moldau, das er hinter der Grenze zunächst nicht finden konnte. Piverka schreibt: „Hinter Kaplitz, jetzt als Kaplice bezeichnet, fand er einen Wegweiser nach Český Krumlov und die Logik ergab, dass es sich um Krummau handeln müsste. Noch 25 km, konnte er auch noch ablesen. ...In der Ortschaft Mirkovice spielten Kinder in seinem Alter. Da war es angebracht zu fragen, ob er richtig nach Krummau fahre. Doch kaum hörten sie ihn sprechen, schrien alle auf einmal: „Nĕmec, Nĕmec", was er zwar nicht verstand, doch als sie auf ihn zuliefen und Steine und Schneebälle auf ihn warfen, sprang er schnell aufs Fahrrad auf und war froh, ihnen zu entkommen."

Der schwere Gang

Dass dies aber nicht die einzigen Schwierigkeiten bleiben sollten, die auf Walter als „Deutschen" in der CSSR im weiteren Verlauf seines Lebens warteten, waren für den jungen damals noch nicht absehbar, geht aber aus dem weiteren Verlauf der Erinnerungen hervor. Nach und nach verschwanden die Freunde und Bekannten aus dem Umfeld und die deutsche Bevölkerung in den Grenzgebieten wurden durch „Aussiedelung" oder Umsiedlung zunehmend ausgedünnt und auf ein akzeptables, weil noch benötigtes Minimum reduziert, wobei häufig auch keine Rücksicht darauf genommen wurde, ob es sich um Verfolgte des Naziregimes oder diejenigen handelte, die gegen den Anschluss an das „Reich" waren. Wichtig war die Zugehörigkeit zur richtigen „Nationalität". - An was erinnert das nur?

Das Leben als solches kann ein ständiger Kampf sein. Wer es einfach haben will, der bleibt immer ein Mitläufer, egal unter welchem Regime, oder er geht aufrecht seinen Weg, auf dem er hoffentlich nicht irgendwann kopflos wird. Allen Widrigkeiten zum Trotz kann man seinen Weg gehen, wie weiland ein Mönch aus Wittenberg. Diesem wurde nachgesagt: „Mönchlein, Mönchlein! Du gehst einen schweren Gang." – Nun, schenkt man seinen Erinnerungen Glauben, dann hatte auch Walter diesen schweren Gang angetreten. „Aus der kleinen Wohnung in Krummau am Obertor, wo einst die Familie auf engstem Raum beisammen lebte, ist inzwischen ein großes Dreieck in Europa geworden, mit den Eckpunkten Berlin. Bensheim a. d. Bergstraße und Krummau, wo die einzelnen Familienmitglieder ihre letzte Ruhe gefunden haben. Als ein trauriges Ergebnis der Politik des 20. Jahrhunderts."

Walter Piverka: Deutsch zu sein/Býti Nĕmec. Übersetzung ins Tschechische von Jana Pellarová. Erste zweisprachige Ausgabe. Vimperk 2006.

 

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